Die Website verliert an Bedeutung – es lebe der Artikel

Im Online-Journalismus scheint es eine große Wahrnehmung dafür zu geben, dass ein zunehmender Teil des Traffics von Nachrichtenportalen von Suchmaschinen oder (Social Media-)Empfehlungen stammt. Der einzelne Artikel als Sprungbrett in das gesamte Content-Angebot wird dadurch wichtiger. Die Macher von Corporate Websites, aber auch Blogger können hiervon lernen.

Hinweis: Dieser Einsteiger-Artikel dient vor allem dem Selbstlernen und dem Überlegen meiner Studenten, die gerade die Aufgabe haben, eine Content Strategie für ein Online Special zu entwickeln. Dort steht nun an, sich Gedanken über die zu konzipierende Site zu machen – nachdem Zielgruppen-, Umfeld- und Themenanalyse, Positionierung und Inventarisierung weitgehend erfolgt sind. 

Vielleicht liege ich ja falsch: Aber mein Eindruck ist, dass bei vielen Relaunch-Projekten nach wie vor unglaubliche Energie in die Gestaltung der Homepage einer Website oder eines Blogs gelegt wird. Unterstellt wird dabei, dass die Startseite der erste und entscheidende Eindruck für die Besucher der Site ist, also auf diese Weise ganz wichtige Imagebotschaften vermittelt werden können.

Langsamer Tod der Homepage?

Tatsächlich wird seit einiger Zeit schon der langsame Tod der Homepage diskutiert – weil es immer mehr Nebeneingänge zum Content statt des einen zentralen Portals gibt, durch das alle kommen. Wer zum Beispiel einer Artikelempfehlung auf Facebook folgt, ist schon mitten drin im Angebot und nimmt die schöne Homepage gar nicht wahr. Die einfache Schlussfolgerung:

This makes it more important than ever for websites to treat every page as if it’s the homepage.

Die Frage ist, wie dies gelöst werden kann. Ein kleiner Ansatz ist vielleicht, dass bei jedem Artikel die Navigation immer in Reichweite ist, auch wenn der Artikel länger ist. Gut vergleichen kann man das aktuell beim alten und beim neuen Beta-Auftritt der taz (Besprechung im Designtagebuch).

Besucher an der Hand nehmen

Nein, zum Notausgang muss man Website-Besucher nicht führen. Aber vielleicht zum reichen Content-Schatz?

Ich bezweifle jedoch, dass dies genügt, um gerade gewonnene Leser wirklich in ein Angebot hineinzuziehen. Oder im Sinne einer Content Strategie anders rum gedacht: Genügt dies, damit Besucher des Artikels ihr Anliegen erledigen können? Das klingt jetzt nach widersprüchlichen Zielsetzungen. Was ich meine: Das Hineinziehen in ein tolles Angebot ist vielleicht ein angemessenes Ziel bei einem journalistischen Portal oder einem Magazin (auch im Corporate Publishing): Hier kann man stärker das Entdecken anregen (wobei es auch hier Informations-, Orientierungs- und Unterhaltungsbedürfnisse etc. gibt). Bei anderen Websites bzw. in Teilen anderer Websites (z.B. von Unternehmen oder Institutionen) haben die Besucher womöglich sehr konkrete Anliegen mit Blick auf Handlungsanleitungen beziehungsweise Entscheidungen: Vielleicht wollen sie durch einen Prozess hindurchgeführt werden. Beispielsweise, wenn sie sich zu einem Produkt informieren möchten. Dann genügt es nicht, auf einer Seite dieses Produkt zu beschreiben, sondern die Überlegung muss von Inforamtions- und Entscheidungsprozessen zu solchen Produkten ausgehen. Idealerweise sind solche Aspekte in Personas enthalten. Mögliche Fragen könnten sein:

  • Möchten die Besucher Urteile Dritter konsultieren?
  • Wenn ja: Welche Art? (Testberichte, einfache Votings, Diskussionen in Foren etc.)
  • Interessieren sich die User für weitergehende Fragen aus dem Anwendungszusammenhang? (Beispiele: FAQ, Diskussionen in Foren)
  • Möchten einige der Besucher eine individuelle Beratung?
  • Ist ein Hineinführen in den Onlineshop sinnvoll oder eher abschreckend?

Das Abarbeiten von Anliegen zu ermöglichen, ist auch bei öffentlichen Institutionen sehr wichtig, wie zum Beispiel Sarah Richards in einem Vortrag sehr schön erklärt hat: Sie war für den Relaunch der Seite gov.uk verantwortlich und bringt das Beispiel, dass eine Person zum Beispiel wissen möchte, was zu tun ist, wenn jemand stirbt und dann durch alle notwendigen Schritte geführt werden möchte, so dass alle notwendigen Formulare zu Hand sind, Kontaktinformationen etc. Bei kommunaler Kommunikation spricht man nach meiner Erinnerung hier vom Lebenslagenkonzept. Hier überlegt man bei der Planung von Informations- und Kommunikationsangeboten, in welcher Situation Menschen sind, die auf die Website kommen.

Interaktion und Eintauchen

Doch zurück zum einzelnen Artikel. Ein typisches Element der Kommunikation ist die Interaktion, die auf jeder einzelnen Seite gefördert werden kann, etwa durch Handlungsaufforderungen. Beispiele sind das Teilen von Artikeln, das Abonnieren eines Newsletters, die Einladung zur Diskussion – oder Aufrufe, eigene Ideen und Inhalte einzubringen, Fragen zu stellen etc.

Einen speziellen Blick verdient aus meiner Sicht noch der Zugang zu weiteren Inhalten, die den Besucher interessieren können. In einigen Blogs ist es derzeit Mode, Widgets zu verbannen, die weitere Inhalte erschließen könnten. Hierzu zählen Widgets für oft geklickte Artikel, für eine Liste der letzten Kommentare, zu einem Monatsarchiv etc. Dieser Verzicht schafft eine sehr cleane Seite, die nur aus einer Spalte besteht. Ideal ist dies natürlich für mobile Nutzer, denn eine solche Seite passt sich automatisch an alle Displaygrößen – auch von Smartphones – an. Auf der anderen Seite können – gehen wir wieder weg vom Blog – Widgets natürlich helfen, Besucher durch Prozesse zu leiten und ihnen weitere Beiträge oder Materialen an die Hand geben. Allerdings werden Widgets in mobilen Versionen ohnehin nicht angezeigt.

Bei USA Today, eine der Nachrichtenseiten, auf die im Moment vermutlich sehr viele Fachleute schauen, kann man dies gut beobachten: Zu jedem Artikel bekommt man sehr viele Empfehlungen zu weiteren Beiträgen aus dem selben und aus benachbarten Ressorts. Der Ansatz: Die Leser hineinziehen in die Contentfülle – aber sie auch nicht erschlagen mit zehn verschiedenen Widgets. In der mobilen Version jedoch fallen all diese bunten Boxen weg und übrig bleiben am Ende eines Artikels zwei Empfehlungen aus dem selben Ressort. Die schnelle Information steht also im Vordergrund, wobei auf die Interaktion nicht verzichtet wird: Sharing und diskutieren funktionieren auch sehr gut bei der mobilen Version.

Die taz geht offenbar künftig anderen Weg und mit weitergehenden Empfehlungen künftig zurückhaltender um (sofern das nicht noch Baustelle ist): Waren rund um einzelne Artikel bisher viele der oben genannten Möglichkeiten genutzt, so verbergen sich diese nun in der Beta-Version relativ bescheiden hinter Links in der rechten Randspalte und müssen erst einmal entdeckt und durch einen Klick aufgeklappt werden. Die einzelnen Empfehlungen springen einem nicht mehr ins Auge, dafür ist das Ganze – siehe oben – viel cleaner in der Erscheinung. Wie passend dies für ein einzelnes Angebot ist, wäre zu diskutieren: Liegt der Fokus auf dem einzelnen Beitrag, oder soll eine Themenfülle gezeigt werden?

Der vermutlich wichtigste Weg, weiterführende Informationen oder ähnliche Artikel anzubieten, ist eine kleine Liste am Ende des Beitrags. Bei großen Angeboten bietet sich an, solche Empfehlungen zufällig geben zu lassen, beispielsweise mit Hilfe eine PlugIns für das Content Management System (z.B. “related posts”) Solche Systeme setzt aber unter anderem voraus, dass man sich Gedanken über begleitende Daten zu jedem Artikel macht – Blogger kennen hierzu Tags und Kategorien, bei Websites spielen u.a. Metainformationen eine große Rolle. Hier sind einige strategische Entscheidungen zu treffen: Denn wie jeder einzelne Artikel einen Bezug zur Positionierung haben sollte, so muss auch das aufzubauende Datengerüst (einfaches Beispiel: Unterrubriken) dem entsprechen. Die Alternative ist, diese Artikelempfehlungen am Ende manuell einzubauen, beispielsweise mit Blick auf aktuelle Suchtrends oder im Sinne der Positionierung besonders wichtiger Beiträgen. Hier im Blog habe ich mich für die manuelle Variante (“Textdepot-Archiv”) entschieden.

Scrollen und weg

Ach so: Seid Ihr noch da? Die Online-Lesegewohnheiten sprechen eigentlich dagegen. Denn: “Klick – und weg bist du“, schreibt Meike Laaf in der taz. Will heißen: Wir scannen zunehmend nur noch Angebote und nehmen damit vor allem bestimmte Anker in einem Beitrag wahr. Dies jedenfalls hatte das Onlinemagazin Slate festgestellt – eine erwartbare Reaktion auf große Informationsmengen.

Für die Content Strategie bedeutet dies, dass man sich über Aufbau und Präsentation einzelner Beiträge einige Gedanken machen und entsprechende Festlegungen treffen sollte. Laaf empfiehlt hierzu unter anderem den Küchenzuruf, andere Elemente können Zwischenüberschriften, Bilder, Listen etc. sein. Andere Idee: Bachelorkandidaten empfehle ich beispielsweise, ans Ende eines Kapitels die wichtigsten Take aways in drei Spiegelstrichen aufzuführen.

Um Überlegungen dieser Art nochmals nachzuvollziehen, kann man sich einzelne Unterseiten von Corporate Websites anschauen. Bei vielen wird man feststellen, dass diese sehr in sich geschlossen sind und außer der Navigation kein Trampelpfad in das weitere Angebot gemacht wird. Dann muss der Besucher, der z.B. von der Suchmaschine kommt, zur Orientierung erst mal auf die Startseite (oft sogar, um überhaupt festzustellen, wo er gelandet ist). Im Gegensatz dazu könnte man sich eine Themenseite wie Babyharmonie von der Schwenninger Krankenkasse anschauen. Das Konzept wird auch von Doris Eichmeier vorgestellt. Hier finden sich auf den Unterseiten viele der in diesem Artikel besprochenen Elemente.

Textdepot-Archiv: Mehr zu Websites

Lesedepot: Die Tipps der Woche (weekly)

Posted from Diigo. The rest of my favorite links are here.

Blogger, Blogleser und so etwas wie Mediadaten

Was sind das für Leute, die bloggen? Und vor allem: Wer sind die Leser von Blogs? Oder aus Blogger-Sicht: Was weiß ich über meine Leser und Diskutanten? Und: Möchten professionellere Blogger gar so etwas wie Mediadaten bereitstellen? Viele Blogger haben wahrscheinlich ein sehr gutes Gespür für ihre Leser bzw. kennen viele sogar. Mit der Zeit – und zunehmender Leserschaft – geht dieses Gespür vielleicht aber verloren. Oder es besteht der Wunsch, die Leserschaft anderen gegenüber zu beschreiben. Drei unserer Masterstudenten des Studiengangs Medienentwicklung arbeiten deshalb im aktuellen Semester an diesen Fragen. Ein Schritt in ihrem Projekt ist eine Befragung unter Bloggern selbst, die jetzt online ist. Wer also selbst bloggt und mitmachen möchte, ist zum Mitmachen eingeladen. Die Befragung ist nur ein Arbeitsschritt im Projekt. Dessen eigentliches Ziel: Blogger sollen am Ende einen Fragebogen zur Verfügung bekommen, den sie für eigene Leserbefragungen nutzen können. Wenn sie möchten, können sie die Ergebnisse auch für so etwas wie Mediadaten für Blogs verwenden.

Kleiner Einblick in die Versuchsküche der Medienforschung

Das Projekt hat mehrere Ausgangspunkte: Zum einen die Feststellung, dass über Blogger und ihre Motivation im deutschen Sprachraum eigentlich seit einiger Zeit wissenschaftlich nicht mehr so viel Neues erarbeitet wurde. Vor allem Jan Schmidt hat in diesem Feld sehr verdienstvoll gearbeitet, das ist aber schon ein Weilchen her. Mittlerweile haben sich zumindest in einigen Bereichen einige professionelle Blogger etabliert. Nach der Definition der Studenten sind das Blogger, die hauptberuflich bloggen und davon – ggf. zusammen mit damit verbundenen Tätigkeiten – leben können. Diesem Themenfeld sind die Studenten qualitativ – durch beispielhafte Interviews mit einigen Autobloggern – nachgegangen; dabei wurde bewusst ein enges Themenfeld gewählt, da Blogger und Blogleser je nach Thema höchst unterschiedlich ticken dürften. Ein wichtiger Aspekt dieser Interviews war entsprechend die Beziehung der Blogger zu ihren Lesern.

Wir wissen wenig über die Leser von Blogs

Über die Leser von Blogs und ihre Erwartungen wissen wir wenig. Natürlich wird es da riesige Unterschiede geben. Es dürfte auf die Themen genauso ankommen wie auf die Positionierung eines Blogs: Von einem professionellen Blogger erwarten die Leser vermutlich quasi-journalistische Leistungen (also Kontinuität, Themenabdeckung, Tempo etc.), während einem Hobby-Blogger punktuelle Beiträge zugestanden werden dürften und an die Aufbereitung von Themen vielleicht auch andere Erwartungen bestehen.

Ein weiterer Ausgangspunkt für das Projekt waren Diskussionen zu Blogger Relations, die ich in den vergangenen Monaten mit Autobloggern und Social Media-Verantwortlichen aus der Autozunft hatte. Hier sind wir mehrfach an den Punkt gekommen, dass es gerade aus Sicht von Blogger Relations bei professionellen oder semi-professionellen Blogs spannend wäre, mehr über die Leser zu wissen. Unternehmen könnten Blogs besser beurteilen und im Einzelfall einfacher entscheiden, mit welchen Bloggern sie zu welchen Themen lieber zusammenarbeiten möchten. Ein Hintergrund dazu: Zu vielen Themen gibt es weit mehr Blogger, als Unternehmen systematisch betreuen können. Im Fall eines Autoimporteurs heißt dies zum Beispiel, dass das Budget nur soweit reicht, dass ein Teil der Autoblogger bei einem Event einbezogen werden kann. Das von mir einmal vorgeschlagene Schema zur Bewertung von Blogs wird dort zwar angewandt, doch wäre aus Unternehmenssicht hilfreich, wenn über die Leser der jeweiligen Blogs mehr zu erfahren wäre. Anzunehmen ist natürlich, dass neben Social Media Managern wie angedeutet auch Vermarkter Interesse an Informationen zu Lesern haben.

Blogger, die das möchten, könnten deshalb mit einem genaueren Wissen über die Leser ihr Blog besser an deren  Interessen anpassen, vielleicht sogar auch besser vermarkten. Nebenbei: Dass IVW und AGOF für die meisten Blogger kaum etwas bringen dürften, hat Robert Basic neulich ausführlich erklärt.

Ziel: Bloggern helfen, Leserbefragungen zu machen

Dies jedoch nur als Hintergrund. Die Studenten werden sich aus Fragen der Blogger Relations und Vermarktungsfragen heraushalten. Stattdessen haben sie ein etwas einfacheres Ziel: Sie wollen  Bloggern helfen, ihre Leser kennen zu lernen. Was diese mit diesem Wissen dann tun möchten, ist eine andere Frage.

Die erwähnten Interviews zeigten: Das Interesse, mehr über die Leser zu erfahren, scheint zumindest bei Autobloggern recht groß zu sein. Die nun online gestellte Befragung unter Bloggern (hier sind jetzt nicht nur Autoblogger angesprochen), soll ein paar weitere Informationsbausteine liefern. Die Ergebnisse dieser Schritte werden dann zusammengeführt. Auf Basis dieser Ergebnisse und kombiniert mit Bausteinen üblicher Leserbefragungen journalistischer Medien wollen die Studenten dann einen Fragebogen entwickeln, mit dem jeder interessierte Blogger eine individuelle Leserbefragung durchführen kann. Dabei ist daran gedacht, einige Fragen vorzugeben, aber jedem Blogger zu ermöglichen, dass er ganz spezielle Fragen zu seinem Blog ergänzen kann.

Am Ende soll eine kleine Plattform entstehen, auf der die Ergebnisse des Projektes und vor allem der Fragebogen unter CC-Lizenz stehen. Dies kann einfach der persönlichen Neugierde dienen. Und Blogger, die möchten, könnten die Ergebnisse ihrer Leserbefragungen mit Daten aus der Webanalyse (z.B. Google Analytics) kombinieren und hieraus so etwas wie Mediadaten basteln.

Ich bin sehr gespannt, wie gut das Projekt funktioniert. In erster Linie ist es natürlich ein Lernprojekt ohne Erfolgsgarantie was das Endergebnis betrifft (ein Lernerfolg sollte sich natürlich in jedem Fall einstellen), gelingt es, freuen wir uns umso mehr. Die Chancen stehen sicher nicht schlecht. Zu klären wird natürlich auch sein, wer dann Interesse hat, die kleine Plattform mitzugestalten und/oder weiter zu betreiben.

Hier nochmal der Link zur Umfrage unter Bloggern.

Textdepot-Archiv: Weitere Beispiele zu Lehrforschungsprojekten:

 

Content Strategie: Die Unternehmensperspektive

Content Strategie, die Zweite: Nach unserem Barcamp #cosca13 am vergangenen Wochenende, an dem besonders viele Agenturleute beteiligt waren, hat es toll gepasst, das Thema nun mit Unternehmensvertretern zu diskutieren: Das Web Excellence Forum (WebXF) hatte mich zu einem Vortrag zu seinem Fachtag geladen (ich fürchte, die Folien sind nur im Vollbildmodus wirklich gut zu lesen, sorry).

Das Web Excellence Forum ist in meiner Wahrnehmung in Deutschland die wichtigste Arbeitsgruppe zu Onlinekommunikation, wenn es um Vertreter großer Unternehmen und Marken geht. Agenturen schließt die Gruppe aus ihrem Kreis nach meinem Wissen aus. WebXF dient damit dem Erfahrungsaustausch; gleichzeitig werden aber auch gemeinsame Projekte verfolgt, beispielsweise zum Benchmarking oder der Erfolgsmessung der Onlinekommunikation.

Buzzword? Oder nicht?

Die ersten Vorbereitungen zu meinem Vortrag habe ich schon vor einer Weile getroffen, und zwar unter dem Titel “Content Strategie – mehr als ein Buzzword?” Ich muss zugeben, dass ich in den Monaten der Vorbereitung zu unserem Content Strategy Camp oft hin- und hergerissen war, ob das Ganze wirklich mehr ist als ein neues Buzzword, das gerade durch Digitalien getrieben wird. Jetzt, nach unserer Veranstaltung, habe ich das Gerüst meines WebXF-Vortrags mit einigen Eindrücken unserer Diskussionen gefüllt – und das Fragezeichen im Titel gelöscht.

Ja, ich glaube nun wirklich, dass Content Strategie mehr ist als ein Buzzword. Es ist nur nicht etwas völlig Neues. Oder besser gesagt: Es kommt auf den Hintergrund der Person an, die darüber spricht, wie ein Teilnehmer der WebXF-Veranstaltung in einem kurzen Nachgespräch anmerkte. Will heißen: Viele Elemente einer Content Strategie mögen vielen Profis aus der Unternehmenskommunikation nicht neu sein bzw. selbstverständlich angewendet werden. Für Kommunikationsabteilungen, in denen dagegen noch stärker in Printwelten gelebt wird, mögen Dinge wie User Experience oder Datenmodelle – um nur zwei beispielhafte Bausteine einer Content Strategie zu nennen – eher neu sein. Und erst recht für den Online Advertiser oder manchen Pressesprecher.

Content Teams nicht nur für Online

Die Silos – ein wiederkehrendes Motiv in der Diskussion um Content Strategie

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des WebXF-Forums, so war mein Eindruck in der Diskussion, beschäftigten sich letztlich schon lange mit Content Strategie – und vor allem einzelnen Fragen daraus. Natürlich taucht in einer solchen Diskussion unweigerlich der Begriff des Silos auf, also der Frage, inwiefern unternehmensinterne (Abteilungs-)Grenzen sich als Bremsen für eine konsistente Content Strategie darstellen. Zwei Unternehmensvertreter haben davon berichtet, seit wenigen Monaten dezidierte Content-Strategie-Teams aufgebaut zu haben. Hier wird nicht mehr in Kanälen, sondern in Themen gedacht, und die Teams haben – wie es in der Diskussion verlangt wird – den Hut für die Content Strategie auf. Bemerkenswert dabei übrigens, dass hier – im Gegensatz zu einigen Diskutanten in den USA – von vornherein nicht nur Onlinekommunikation, sondern auch z.B. Corporate Publishing und Pressearbeit einbezogen sind.

Content rules – aber Budgets scheinen knapp

Ein anderer – fast unvermeidbarer – Widerspruch kam in der Diskussion auf: Während wir ja oft diskutieren, dass die Onlinekommunikation strategisch immer bedeutsamer wird und in einzelnen Studien sogar die Rede davon ist, dass sich Werbebudgets in Richtung Kommunikation verlagerten, scheint diese Entwicklung bei vielen großen deutschen Unternehmen offenbar noch nicht angekommen zu sein. Zwar gibt es einzelne Beispiele für starke Investitionen in Content, doch nahm ich aus der WebXF-Runde eine andere Grundstimmung mit: Die Kommunikation werde immer komplexer, die Erwartung, immer mehr Kanäle zu bedienen, steige – dabei würden Budgets in den Kommunikationsabteilungen gleichzeitig gekürzt, stellten einige fest und fragten nach einem Ausweg. In Teilen, so argumentierte ich, kann eine Content Strategie hier helfen: Zum Beispiel, wenn erst Bedürfnisse von Zielgruppen und deren Mediennutzungsverhalten genau analysiert werden, um dann klare Prioritäten zu setzen – in Bezug auf die bedienten Kanäle oder den Umfang der Website. Klar scheint mir aber, dass die beste Content Strategie nicht jede falsche Weichenstellung abpuffern kann. Denn letztlich halte ich es für fatal, sollten Kommunikationsbudgets stark unter Druck geraten anstatt ausgebaut zu werden – in einer Welt, in der zum Beispiel der Nerv-Faktor von Werbung zunimmt und die Möglichkeiten, nützliche Inhalte zu entwickeln, zunehmen. Klar ist aber auch, dass es ohne vernünftige Erfolgsmessung nicht geht – die wiederum von der Qualität der Zielformulierung abhängt.

Textdepot-Archiv: Weitere Artikel zu Content Strategie

#cosca13: Noch ein paar Gedanken zum Content Strategy Camp

Jetzt bin ich platt: Vor allem über die tolle Resonanz zu unserem Content Strategy Camp, die sich bei der Veranstaltung zeigte und inzwischen auch in vielen sehr, sehr lesenswerten Beiträgen. Zum anderen muss ich zugeben, dass ich gesundheitlich etwas geplättet bin. Deshalb heute nur ein paar schnelle Gedanken als Gedächtnisstütze für weitere Beiträge und Diskussionen zum Thema Content Strategie.

Foto: eBusiness_info/Britta Hüning

Was habe ich gelernt?

  • Mehr als 120 Teilnehmerinnen, mehr Sessionvorschläge als unterzubringen waren und intensive Diskussionen zeigen mir: Content Strategie ist mehr als ein Buzzword, sondern der Begriff adressiert konkrete Herausforderungen der Onlinekommunikation.
  • In Anlehnung an Doris Eichmeier: Auf organisatorischer Ebene muss nach meinem Eindruck zunächst sicher gestellt sein, dass eine Person für Content Strategie den Hut aufhat. Und zwar in dem Sinne, dass sie für kleine und große Fragen ansprechbar ist. Wenn sie als Problemlöser anerkannt ist, ist schon viel erreicht. Mit der Zeit kann hieraus auch die entsprechende Durchsetzungslegitimität und eine übergreifende Strategie entstehen. Was wir nicht brauchen, sind die in solchen Fällen (also bei neu zu skizzierenden Feldern) schnell zu sichtenden Heilsbringer.
  • Bestätigt hat sich die Annahme, dass Content Strategie viele, viele Einzelfragen adressiert. Beispielsweise grundsätzliche Fragen der Kommunikationshaltung, Fragen der Distribution von Inhalten über Kanäle und andere Workflows, aber es geht auch um Anforderungen an Content Management-Systeme, um Fragen der User Experience etc.pp.
  • Mitgenommen habe ich auch das Bedürfnis vieler nach einer Content Strategy Community im deutschen Sprachraum. Ich bin gern dabei, einen Beitrag hierzu zu leisten.
  • Interessant hierbei: Wir haben mit cosca13 vorwiegend PR-Leute, sehr oft aus Agenturen, erreicht. Das ist eine etwas andere Community als im angloamerikanischen Raum. Ich denke, hier müssen wir noch einige Vernetzungsarbeit leisten.
  • Als an der Organisation der Veranstaltung Beteiligter habe ich sehr genossen, dass mit den Kollegen von Script und aus unserem eBusiness-Lotsen Profis in Sachen Events im Boot waren und mit unseren PR-Studenten aus dem vierten Semester ein super engagiertes Team die Livekommunikation in die Hand nahm und viel Orga-Unterstützung leistete – und das übrigens auch ganz schön professionell, wie ich finde.

Foto: eBusiness_info/Britta Hüning

Was bleibt offen?

  • Nach meiner Wahrnehmung ist die internationale Diskussion zu Content Strategie sehr stark auf Onlinekommunikation fokussiert. Hier gibt es sicher sehr, sehr viel zu tun, insofern ist das völlig nachvollziehbar. Andererseits unterscheiden die Zielgruppen längst nicht mehr zwischen “online” und “offline” – die Touchpoints zu einem Unternehmen werden immer vielfältiger. Insofern betrifft Content Strategie sicher genauso das Corporate Publishing, in Teilen zumindest aber auch Pressearbeit, Vertrieb und all die anderen Berührungspunkte zum Unternehmen. Diese Diskussion muss noch in Gang kommen.
  • Ich habe noch kein Gefühl dafür, wie Unternehmensvertreter diese Diskussion wahrnehmen. Das Gute: Ich darf diese Frage morgen beim Web Excellence Forum diskutieren, bei dem vorwiegend Onlinekommunikatoren von Marken und größeren Unternehmen dabei sein. Bericht folgt.

Wo erfahre ich mehr?

 

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