Zur Zeit tagen meine Kollegen, die in der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationsforschung (DGPuK) zusammengeschlossenen Wissenschaftler, in Bamberg. Vor Monaten hat die Gesellschaft, deren Mitglied auch ich bin, mit einer Mitgliederbefragung herausbekommen wollen, wie in Zeiten des Internet eine Disziplin, die sich mit öffentlicher Kommunikation und Publizistik beschäftigt, ihre Forschungsergebnisse am besten veröffentlicht. Beispielsweise gab es Gedankenspiele zu einem Online-Journal, und ja: auch das Stichwort Open Access fiel.
Auf der Tagung nun haben die Mitglieder entschieden – ich gebe weiter an Peter Schumacher, der vor Ort ist:
“Am Vormittag erzählt Wikipedia-Gründer Jimmy Wales von den Vorteilen frei und online verfügbaren Wissens. Abends entscheidet sich die Mitgliederversammlung dagegen, ein frei verfügbares Onlinejournal zu gründen. Stattdessen sollen die beiden Fachzeitschriften Publizistik und Medien & Kommunikationswissenschaft (Papieredition) dadurch gerettet werden, dass alle Mitglieder über deutlich höhere Mitgliedsbeiträge ein Zwangsabo bekommen.
Drumherum wird noch ein bisschen gejammert, dass die deutsche Forschung nicht international wahrgenommen wird. Ob da nicht ein gedrucktes Jahrbuch abhelfen könnte, das die besten Beiträge in Englisch rausbringt? Finanziert sich auch nur über ein Zwangsabo für die Mitglieder, klar.”
Zwangsabo? Höhere Mitgliedsbeiträge? JAHRbuch? HALLO? Hm, wer sich des Englischen nicht mächtig genug fühlt, könnte vermutlich mit dem Mitgliedsbeitrag auch einmal im Jahr einen seiner Artikel übersetzen lassen und diesen englischen Journals anbieten. Open Access Journals natürlich. Mal sehen, was gibt’s denn da einschlägiges? Hui, 38 Journale finde ich zum Thema Medien und Kommunikation. So exotisch kann das Ganze doch gar nicht mehr sein…
Lustig übrigens: Ausgerechnet das DGPuK-Panel zu Weblogs und Wikis war brechend voll, berichtet Alexander Filipovic.
Schade, dass ich nicht in Bamberg sein kann – doch die allerletzte Phase unseres Bandes zu Web 2.0 und Online-PR bringt mich in diesen Tagen nicht vom Schreibtisch. Habe dafür gerade an einer Typologie für Online-PR weitergebosselt. Wenn sich das Ganze gedanklich etwas gesetzt hat, werde ich hier mehr dazu schreiben…
[[Nachtrag, 21.5.: Vor dem Hintergrund der Entscheidung zur Publikationspraxis wirkt es schon seltsam, dass die Pressestelle der Uni Bamberg unter der Überschrift "Freier Zugang zum Wissen" in einer Presseinfo über die DGPuK-Tagung berichtet. Prof. Walter Hömberg aus Eichstätt sagte übrigens laut der Meldung in seiner Keynote,
"...dass Wissen eine der wichtigsten Ressourcen des modern denkenden Menschen sei. Sein Fazit: 'Wissen bedeutet ohne Zweifel Macht und das ganz ohne Fragezeichen. Dies gilt es richtig einzuschätzen und einzusetzen' ".
Keine Fragen, Kienzle...]]
(technorati: dgpuk2007)


12 Antworten bis hierher ↓
steffen // 19 Mai 2007 um 14:21 |
manueller Trackback: http://www.media-ocean.de/2007/05/19/dgpuk-geschlossene-gesellschaft/
Bamblog » DGPuK 2007: Das war enttäuschend // 20 Mai 2007 um 22:13 |
[...] nochmal ansprechen möchte (andere Reaktionen bei Konferenzteilnehmern und -nichtteilnehmern [1, 2] [...]
sozlog » Blog Archive » Brauchen wir wirklich all die professionellen Assoziationen? // 20 Mai 2007 um 23:45 |
[...] Über gute und weniger gute Konferenzen könnte man immer wieder Spannendes schreiben, denn der bleibende Eindruck setzt sich aus einem Potpourri von Informationen, Eindrücken und Stimmungen zusammen. Manchmal jedoch bleibt ein Eindruck oder eine Entscheidung einfach im Gedächtnis hängen, auch wenn er vom Konferenzthema kaum tangiert wird. Von DGPUK-Tagung der vergangenen Tage in Bamberg, zu der ich leider nicht hinreisen konnte, scheint es einiges zu berichten zu geben, was über den spezifischen Fall hinausreicht und das wissenschaftliche Publizieren allgemein betrifft. Jan Schmidt hat seine Eindrücke in tolle und enttäuschende Eindrücke unterteilt, Steffen Büffel spricht von der „geschlossenen Gesellschaft“, Peter Schumacher von der „Deutschen Gesellschaft zur Rettung der Druckmedien“, und das Textdepot von Thomas Pleil schreibt „Deutsche Kommunikationswissenschaftler kicken Open Access“: [...]
Marc // 21 Mai 2007 um 13:37 |
Ach herrje, das erinnert ja doch ein wenig an das selige Städtchen “Schilda”. Ich selbst lese erst heute in den verschiedenen Blogs (u.a. Jan und Steffen) von dieser abendlichen Entscheidung und bin durchaus überrascht. Denn klar, die wiss. Journale befinden sich in einer mißlichen Situation, dann aber auf eine Subventionierung durch Pflichtabos zu setzen, anstatt mutig ein OA-Journal aufzuziehen, ist dann (jedenfalls in meinen Augen) doch sehr verwunderlich.
War jemand bei der Abstimmung anwesend? Welche Argumente wurden verhandelt? Wieso konnten sich die OA-Befürworter nicht durchsetzen?
Thomas Pleil // 21 Mai 2007 um 14:39 |
Ein Kollege, der vor Ort war, hat mir erzählt, dass viele der bei der Abstimmung anwesenden DGPuK-Mitglieder die beiden Zeitschriften ohnehin abonniert haben. Für sie ist es dann billiger, höhere Mitgliedsbeiträge zu bezahlen, dafür aber die Zeitschriften nicht mehr extra abonnieren zu müssen.
Ich kann das ehrlich gesagt nicht nachvollziehen: Zum einen genügt es mir vollkommen, wenn eine Zeitschrift bei uns am Studiengang vorhanden ist, ich brauche sie nicht auch noch extra in meinem Postfach. Zum anderen hätte ich mir gewünscht, dass ein vernünftiges Konzept für ein Open Access-Journal entwickelt/zur Diskussion gestellt wird.
Wie ich meinen Kollegen verstanden habe, ist noch nicht geklärt, ob es künftig von den Zeitschriften Online-Ausgaben geben soll und wie diese aussehen könnten.
Ehrlich gesagt sehe ich wirklich nicht, warum ich mit Mitgliedsgebühren einen wirtschaftlichen Verlag sponsern soll, wenn die Arbeit (Reviews, Redaktion) doch ehrenamtlich von der Community gemacht wird.
Marc // 21 Mai 2007 um 22:45 |
Aha, danke für die Zusatzinfos… dann siegte möglicherweise der Eigennutzgedanke (der Mitglieder), die relativ kurzsichtig nur ihr eigenes Budget im Auge hatten? Tja, abwarten, wann dasselbe Thema wieder Gegenstand von Abtimmungen sein wird. Eine wirklich zukunftsweisende Entscheidung war das jedenfalls nicht…
Matthias // 24 Mai 2007 um 19:29 |
Ein wirklich interessanter und kurioser Beitrag!
Könnte es am Alter liegen? Die älteren Vertreter des Fachs mögen halt ihre Zeitschriften und stellen sich gerne auch noch ein Jahrbuch ins Regal.
Die jüngeren dagegen würden lieber auf das Web setzen, nicht zuletzt weil sie schon von Kindesbeinen an die nötige Medienkompetenz (spielerisch) erworben haben.
In der Unternehmenswelt (Mittelstand) ist das übrigens ganz ähnlich.
Thomas Pleil // 24 Mai 2007 um 20:22 |
Das ist sicher richtig. Aber in der Wissenschaft ist (mir) noch ein anderer Aspekt sehr wichtig: Die Zugänglichkeit von Informationen. Hier ist das Internet unschlagbar sowohl für den Austausch zwischen Wissenschaftlern als auch zwischen Wissenschaft und interessierten Praktikern.
Und da Wissenschaft schon einmal aus Steuergeldern finanziert ist, halte ich es schon für seltsam, dass ihre Ergebnisse einem wirtschaftlichen Verlag übereignet werden und dann erst wieder zugänglich werden, wenn man dafür bezahlt (das Abo).
Weltenkreuzer // 30 Mai 2007 um 23:00 |
Informationsplattform Open Access
Weltenkreuzer » Blog Archive » Informationsplattform Open Access // 30 Mai 2007 um 23:06 |
[...] der bloggenden Forscher dazu waren eindeutig (Jan Schmidt, Peter Schumacher, Steffen Büffel, Thomas Pleil und Tina Guenther; Reaktion des Halem [...]
Tilo // 6 Juni 2007 um 16:39 |
Ein interessanter Artikel zu dem Thema aus “Nature”, der aufzeigt, dass Online-Artikel haeufiger zitiert werden:
http://citeseer.ist.psu.edu/online-nature01/
Thomas Pleil // 6 Juni 2007 um 16:51 |
Das ist ein toller Lesehinweis, herzlichen Dank! Muss den Artikel noch in Ruhe lesen, aber er scheint meinen Eindruck zu bestätigen, dass nicht nur Studenten versucht sind, in Haus- oder Diplomarbeiten die Quellen nutzen, die am einfachsten zu erreichen sind (was auch nicht verwunderlich ist…).