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Wenn Silos bröseln, helfen Markenstärke oder starke Personen

Eigener Kopf….

Es ist schon bitter: Da entdecken viele Unternehmen und Institutionen gerade mal Facebook – beziehungsweise ringen sie sich durch, dort zu sein, wo vermeintlich alle sind -, da stellen andere schon wieder die Frage, ob Facebook nicht eine Art Riesenkaufhaus in der Fußgängerzone sei, das vielleicht den Durchschnitt anspricht, während die Jungen und die Meinungsbildner lieber durch die Stadtteile schlendern und in kleine Boutiquen oder Eckkneipen mit ihrem jeweils ganz eigenen Stil gehen. Dass Plattformen im Web kommen und gehen, ist an sich nicht neu. Und auch, dass Facebook junge Nutzer verliert, ist immer wieder mal angesprochen worden. In einem sehr lesenswerten Artikel hat sich Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach einige Gedanken über das “big picture” gemacht. Ein paar dieser Überlegungen möchte ich aufnehmen und auch nochmal aus der Perspektive der PR ansehen. Mein Eindruck: Für ein paar Unternehmen oder Organisationen kann es sogar leichter werden, wenn sich die Silos auflösen. Für viele aber eben nicht.

Dass Facebook bei einigen Nutzergruppen – speziell bei jungen – an Attraktivität verliert, ist schon vielfach festgestellt worden. Ob man sich harte Zahlen anschaut oder die eigenen Kinder beobachtet, wie Wolfgang es tut: Facebook hat für sie eine immer geringere Bindungskraft. Dies deckt sich auch mit meinen Beobachtungen. Nicht mal mehr der Chat ist meinen beiden Teenagern dort wichtig. Wenn man mal Lust hat, geht man dort hin, so wie man halt in eine Schulkantine geht: Vielleicht gibt’s ja was halbwegs Vernünftiges zum Essen und wahrscheinlich hängt man dann doch ein bisschen mit anderen ab, die man gerade trifft. Aber eigentlich macht man beides nur im Notfall. So weit, so gut.

… oder Silo?

Kontextbezogene Plattformen

Was Wolfgang meint, wenn er davon spricht, dass sich Silos auflösen, ist dies: Viele Nutzer – vor allem junge – nutzen immer mehr Plattformen und Dienste, und zwar jeweils für ganz unterschiedliche Anlässe und Aufgaben. Da gibt es reine Chat- bzw. Messaging-Plattformen, eigene für die Schnappschüsse, andere für Musik, und auch Twitter scheint bei Jüngeren beliebter zu werden. Für unterschiedliche Kontexte gibt es als verschiedene Orte. Und immer sind sie zugänglich – und zwar über das Smartphone. Wichtig ist zudem Wolfgangs Hinweis auf die jeweiligen kulturellen Codes innerhalb einer jeden Plattform. Gemeint ist damit, dass jede Plattform eine eigene soziale Umgebung ist mit eigenen Feinheiten in der Kommunikation etc. Soziale Interaktion differenziert sich also im Web aus, und man könnte behaupten, dass die Fähigkeit, sich an solch unterschiedliche Umgebungen anzupassen (bzw. sie überhaupt in ihren Eigenheiten wahrzunehmen) ein ganz spezieller Aspekt von Web Literacy ist.

Die anderen sind dabei

Einen Gedanken möchte ich in diesem Szenario ergänzen, den ich bei Josh Miller, dem Gründer von Branch, gefunden habe: Er arbeitet sehr treffend heraus, dass sich zwar die Zahl der Plattformen erhöht, auf der sich die Leute bewegen, aber dass die meisten Nutzer dort doch meistens mit den selben Leuten abhängen. Der Grund: Das Adressbuch auf dem Smartphone (ich würde es um die Facebook-Kontakte ergänzen). Was hat es damit auf sich? Kaum meldet man sich auf einer weiteren Plattform an, will diese abgleichen, welche der eigenen Kontakte schon da sind, damit man sich mit diesen vernetzt. Oder man bekommt sofort eine Nachricht, wenn sich ein Buddy nun auch bei einer Plattform angemeldet hat, die man selbst nutzt. Gerade durch Smartphones, so Miller, wird also begünstigt, dass man den eigenen “Social Graph” immer dabei hat – wobei ich davon ausgehe, dass viele Nutzer nicht jeden Kontakt in jedem Umfeld akzeptieren, sondern je nach Kontext neue Teilmengen des Social Graph den Ausgangspunkt bilden und erst dann bis zu einem gewissen Grad neue Beziehungen in einer Plattform aufgebaut werden. So bin ich beispielsweise bei Foursquare mit einer Vernetzung mit anderen viel zurückhaltender als auf Facebook, Path handhabe ich völlig restriktiv, während ich bei Instagram recht vielen Leuten folge, die ich überhaupt nicht kenne, aber mit denen mich ein kultureller Code verbindet, um im Bild zu bleiben.

Eine Kommunikationssicht

Als PR-Mensch interessiert mich natürlich, was dieses Szenario, das ja in gewisser Weise Zukunftsperspektiven für das Social Web skizziert, bedeuten kann. Beginnen wir mit Facebook. Teilweise wird ja so getan, als wäre die Plattform das kommunikative Allheilmittel. Schließlich könne man jung und alt dort erreichen, und das dann noch in großer Zahl. Endlich eine Lösung für alles, mögen sich da manche Marktiers freuen. Dass sie sich Aufmerksamkeit zu einem gewissen Grad erkaufen müssen, scheint den meisten längst akzeptabel. Nochmal Wolfgang:

What we see is kids and multipliers moving away from the silo. Still the majority is there. Especially middle aged people with average internet skills maximum. So talking with marketers, Facebook is great to reach 25 to 39 year old middle class consumers. Or it might be if you are able to invest enough advertising dollars inside Facebook.

Was bedeuten diese Entwicklungen also aus Kommunikationssicht? Einiges können wir vermutlich erst erahnen, müssen diskutieren und dann (Forschung!) überprüfen. Zunächst: Wenn man sich bewusst ist, wen man wirklich auf Facebook erreicht und wie, ist ja schon vieles gut. Vieles wissen wir aber auch nicht so richtig bzw. lernen durch Ausprobieren. Ein Mini-Beispiel: Mit unserer kleinen Facebook-Seite zu unserem Mediencampus hatten wir ursprünglich die Idee, dort auch Studieninteressenten zu erreichen. Ergebnis: Auf der Seite sind Alumni und einige unserer Studenten, was uns freut. Aber Studieninteressenten? Fehlanzeige. Gerade eben zeigt eine Befragung aus der Schweiz, dass Jugendliche Facebook nun wirklich nicht nutzen, um sich Infos zu Studium, Berufsausbildung oder Arbeitgebern zu holen. Ist (Nachwuchs-)Recruiting auf Facebook also überschätzt?

Ich finde zum Beispiel die Frage extrem spannend, ob und unter welchen Bedingungen Jugendliche Unternehmen, Marken oder Organisationen im Social Web überhaupt akzeptieren. Meine Vermutung: Wenn, dann muss es einen sehr engen Bezug zur eigenen Lebenswelt geben. Heißt: Eine Marke, die ich schon immer cool finde, akzeptiere ich vielleicht. Ein Unternehmen, das ein ausnahmsweise gelungenes Recruiting-Video gemacht hat, like ich deshalb noch lange nicht. Vielleicht reiche ich das Video weiter. Weiß ich aber am nächsten Tag noch, welcher Firma der Spaß zu verdanken war? Vielleicht können wir in einigen Wochen zu diesen Fragen und Hypothesen etwas mehr sagen: Ein Team aus unserem Masterstudiengang Medienentwicklung bereitet gerade Fokusgruppen mit Jugendlichen aus verschiedenen Schultypen vor, um mehr zum Thema Jugendliche und Firmen/Marken im Social Web zu erfahren.

Marken sind nicht im Adressbuch

Zurück zum “Un-Bundeling” wie Wolfgang es nennt. Was bedeutet es denn für Organisationen und Unternehmen, wenn kontextbezogen ganz unterschiedliche Plattformen und darin unterschiedliche kulturelle Codes genutzt werden? Die Sache wird vermutlich aufwändig. Denn während Nutzer ihren Social Graph von einer Plattform auf die nächste – leicht rekonfiguiert – mitnehmen, sind Marken oder Unternehmen typischerweise nicht Teil des Adressbuches. Denn einfache Likes oder Followings nimmt man nicht von einer Plattform zur nächsten mit. Unternehmen und Marken sind eben keine Personen, die im Adressbuch stehen. Das bedeutet, dass Unternehmen jedes Mal wieder von Neuem versuchen müssen, Teil der Wahrnehmungswelt von Nutzern zu werden, wenn sie überall eine Begegnung schaffen möchten. Hierzu müssen sie großen Aufwand betreiben, sich den jeweiligen kulturellen Codes anpassen und abhängig vom jeweiligen Umfeld in der Lage sein, ihren Stakeholdern einen Nutzen schaffen, auf dass diese eine Verbindung als lohnend empfinden.

Vorstellbar ist aber auch eine andere Konstellation: Nämlich die, dass Marken oder Unternehmen über Personen kommunizieren. Habe ich mich mit dieser Person schon mal irgendwo vernetzt und ist diese ok, so vernetze ich mich mit ihr wahrscheinlich auch auf einer anderen Plattform. Dass die Person eine Marke, ein Unternehmen repräsentiert, ist nachrangig, dürfte aber zu gegebener Zeit dennoch wahrgenommen werden.

Folglich wäre die Hypothese, dass in der Onlinekommunikation künftig entweder sehr starke Marken besonders aussichtsreich sind oder Unternehmen/Organisationen, die es schaffen, starke Botschafter zu entsenden. Wobei ich bei solchen Botschaftern eine weite Spanne sehe: Dies kann ein echter Star sein, der zum Beispiel für ein Konsumgut steht, es kann aber auch ein Experte sein, der in der B2B-Kommunikation sein Wissen teilt und so die Kompetenz seines Unternehmens unterstreicht oder der Handwerker um die Ecke, der im Netz einfach nur er selbst ist – aber immer ein sympathischer und nahbarer Mensch. Findet dieser dann eine Umgebung, in die er genau passt, versteht er deren kulturelle Codes, kann Beziehungspflege im Social Web hervorragend gelingen – ohne dass man mühsam um Aufmerksamkeit heischen muss. Während Firmen, die traditionell Zielgruppen bearbeiten und in Reichweite denken, das Aufbrechen von Silos bedauern mögen, kann es für andere durchaus sinnvoll sein, genau am richtigen Fleckchen mit den für sie wirklich relevanten Leuten in Kontakt zu sein. Und das bedeutet wohl letztlich ein bisschen weniger Marketing und ein bisschen mehr Kommunikation. Eine Situation übrigens, über die wir schon mal diskutiert hatten – kurz bevor Facebook groß geworden ist.

Update (24.5.): Daniela A. Caviglia hat sich netterweise mit diesem Beitrag intensiv auseinandergesetzt und berechtigte kritische Fragen gestellt. Einen Aspekt will ich hier deshalb noch etwas stärker herausarbeiten: Mein Eindruck ist, dass die meisten Unternehmen nicht die Angst haben müssen, auf immer mehr der aufkommenden Plattformen unterwegs sein zu müssen, sondern dass genauere Analysen und Planungen notwendig sind, um an der richtigen Stelle auf die richtige Art zu kommunizieren. Denn überall präsent sein, muss vielleicht eine Marke wie Coca Cola – für viele andere ist das wohl kaum die richtige Strategie. Herausfordernder wird die Sache aber sicher für Berater und Agenturen, denn sie müssen die vielen einzelnen Boutiquen und Treffpunkte im Netz gut kennen und verstehen.

Corporate Websites: Ungenutzte (Dialog-)Potenziale?

Websites von Unternehmen und Nonprofit-Organisationen waren schon immer Kanäle zur Informationsverbreitung. Dialogangebote spielen darauf meist eine geringe Rolle. Warum eigentlich? Man könnte meinen, der Schaufenstercharakter sei völlig unproblematisch: Der Dialog kann ja im Social Web stattfinden. Möglicherweise hat das aber strategische Nachteile: Zum Beispiel die Abhängigkeit von Plattformbetreibern, aber auch die Frage der langfristigen Akzeptanz von Unternehmen und Organisationen in Social Networks wie Facebook und schließlich ungenutzte Potenziale der eigenen Website.

Hat die Diskussion um Social Media verhindert, die Tür zur Website der nächsten Generation aufzustoßen?

Ausgangspunkt meiner ersten Überlegungen ist eine Studie der in den USA arbeitenden PR-Forscher Erich Sommerfeldt, Micheal Kent und Maureen Taylor, die in der aktuellen Public Relations Review (Juni 2012) veröffentlicht ist. Sie hatten in Tiefeninterviews mit Website-Verantwortlichen von Nonproft-Organisationen versucht herauszufinden, welche Rolle diese ihren Websites zuschreiben. Ein paar Ergebnisse: Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass Websites eher ein passives Kommunikationsinstrument sind. Das bedeutet aus Sicht der befragten Praktiker, dass Organisationswebsites (1) mit anderen Maßnahmen erst bekannt gemacht werden müssten, dass sie (2) kaum geeignet seien, um mediale Aufmerksamkeit zu gewinnen und dass die Websites (3) eher eine symbolische und archivierende Funktion für eine Organisation besäßen. Ich will diese Antworten der Praktiker hier nicht ausführlich diskutieren. Die Statements sind aber in einem offenen, qualitativen Forschungsprozess zu Stande gekommen. Das bedeutet, dass mit diesen drei Punkten offensichtlich typische Denkmuster aufzeigt werden. (Was nicht heißt, dass die Website-Besucher/Stakeholder das genauso sehen). Vor allem den dritten Aspekt behalte ich für die weitere Überlegung im Hinterkopf: Die teure Website nur als Schaufenster zu sehen.

Das Verständnis der Befragten geht einher mit dem Pull-Charakter, der Websites üblicherweise zugeschrieben wird. Hier hat sich offensichtlich in den letzten zehn Jahren wenig verändert. So hatte z.B. Arne Westermann 2004 in seiner Untersuchung von 300 Corporate Websites (aus Deutschland, USA, Europa) festgestellt, dass Dialogangebote bzw. Angebote zur Interaktion (dazu gehören u.a. Links!) damals kaum eine Rolle gespielt haben. Daran hat sich wohl wenig geändert. Auch die bereits erwähnte aktuelle Untersuchung zeigt zumindest für den Nonprofit-Bereich, dass Websites von den US-Organisationen fast ausschließlich im Sinne der Einwegekommunikation konzipiert sind (Wobei ich vermute, dass es bei Kampagnenseiten anders aussieht).

Mein Eindruck ist, dass auch Unternehmen ihren Stakeholdern nur sehr wenig Dialogangebote auf der Webseite anbieten. Eine kleine Zufallsstichprobe (ich habe pro Seite maximal drei Minuten nach Dialogangeboten geschaut):

  • Siemens gibt sich zwar auf der Startseite ganz nahbar und fordert zur Kontaktaufnahme auf – doch die Kommunikation wird via Onlineformular und durch die Nennung einer Hotline auf andere Kanäle verschoben.
  • Bei BASF habe ich auf der Website kein Dialogangebot gefunden, sondern auf der Karriereseite nur den Hinweis auf Twitter und Facebook, wo es News (sic!) und Events gebe.
  • Daimler hat zwar eine viel gerühmte Social Media-Strategie, die auch Diskussionsmöglichkeiten vorsieht, die Corporate Website hat aber keine direkten Dialogangebote – obwohl z.B. sehr viel Energie in Artikel zu Technologie und Innovation gesteckt wird. Auf der Karriereseite werden immerhin Twitter und Facebook eingebunden.
  • Bei adidas habe ich zwar Produktbewertungen (nur mit Sternchen) gesehen, ansonsten werden aber nur Kontaktmöglichkeiten per Mail (und Post) geboten, so z.B. zum Thema Nachhaltigkeit.

Jetzt kann man natürlich sagen: Stopp, was soll das denn? Was sollen Dialogmöglichkeiten auf Corporate Websites? Und: Wie können diese überhaupt aussehen?

Zunächst war ich auch eher skeptisch, dass Sommerfeldt und Kollegen in ihrem Artikel so sehr auf dem Dialog herumreiten und andeuten, dass sie hier ein leeres Versprechen sehen. Vor drei Jahren hatte ich selbst noch geschrieben, ich erwarte keinen offenen Dialog auf Corporate Websites. Ich bekomme daran Zweifel. Denn auf zweiten Blick fielen mir folgende Aspekte auf:

  • Laut der Sommerfeldt-Befragung gehen PR-Praktiker davon aus, dass ihre Websites vor allem von Personen genutzt werden, zu denen schon eine Beziehung besteht. Es handelt sich also vor allem um Unterstützer oder zumindest überwiegend Personen, die positiv gegenüber der Organisation eingestellt sind  (bei vielen Websitebesuchern handelt es sich ohnehin um die eigenen Mitarbeiter). Ich würde ergänzen: Oder Personen, die sich intensiver mit einer Organisation oder einem Unternehmen beschäftigen möchten.
  • Wenn es in der Online-PR eines Unternehmens/einer Organisation darum gehen sollte, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, dann spielen Dialogmöglichkeiten hierbei eine wichtige Rolle – Websites bieten aber typischerweise Content und Design.
  • Etwas speziell vielleicht: Mit ist es oft lästig, wenn auf Facebook ein Unternehmen / eine Organisation einen Artikel verlinkt (vielleicht auf der eigenen Website), ich dem Link folge, dann aber nicht den Artikel kommentieren kann, sondern für die Diskussion wieder zurück zu Facebook muss. Meist lasse ich das und die beabsichtige Interaktion ist ausgebremst oder ich like nur. Mir scheint übrigens, dass dieser Umstand auch einen Anteil daran ist, dass die Qualität der Interaktion sich so oft auf Likes und nichts sagende Kommentare beschränkt.
  • Wird ein Beitrag doch auf Facebook, YouTube oder Google+ diskutiert, entsteht eine dislozierte Kommunikation ohne jede Auswirkung auf die Corporate Website, da diese Kommunikation dort nicht sichtbar ist. Genau das kann natürlich von manchen Unternehmen beabsichtigt sein – unter Gesichtspunkten von Offenheit, Kommunikationsqualität, aber auch SEO könnte man aber auch argumentieren, dass auf diese Weise etwas verloren geht, wenn solche Kommunikation mit der Zeit in der Timeline verschwindet (obwohl das Unternehmen darin investiert hat).
  • Schon oft diskutiert ist das Problem der Abhängigkeit: Wenn ich mir Dialog auf die Fahnen schreibe, diesen aber nur auf Plattformen anbiete, die mir nicht gehören, habe auch ich ein Problem, wenn die Plattform ein Problem hat oder ihre Spielregeln ändert. Die aktuellen Probleme bei Facebook – hier sind in den vergangenen Tagen nach Berichten von Seitenbetreibern immer wieder Kommentare oder Posts zumindest zeitweise verschwunden, sind ein Beispiel für solche Probleme. Auswege sind hier nur eigene Plattformen wie Blogs oder Websites (ggf. mit integrierten anderen Tools).
  • Und schließlich habe ich mich an einen tollen Artikel von pixelsebi erinnert. Er hat vor ein paar Wochen darüber nachgedacht, in welchem Umfeld sich Unternehmen eigentlich auf Facebook bewegen. Sein Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die Interaktion mit Unternehmensseiten auf Facebook offensichtlich zurückgegangen ist. Er geht davon aus, dass dies damit zusammenhängt, dass Facebook mit ganz anderen Intentionen genutzt werde als mit Unternehmen zu kommunizieren und kommt zum Ergebnis, die Präsenz von Unternehmen auf Facebook sei so “attraktiv” wie disruptive Werbung.

Ziehe ich diese Aspekte zusammen, komme ich zu der oben bereits formulierten Folgerung: Wer im Rahmen seiner Online-PR den Dialog mit seinen Zielgruppen sucht und näher an sie heran rücken möchte, sollte mittelfristig intensiver darüber nachdenken, inwieweit die Corporate Website helfen kann, diese Ziele zu erreichen.

Mir ist klar, dass eine solche Forderung bei vielen ein lautes Aufstöhnen provoziert. Schließlich folgen Corporate Websites zumeist der Maxime der One-Voice-Policy und die Angst, dass auf der Corporate Website Kritik zu finden ist, dürfte enorm sein. Diese Argumentation kennen wir ja schon aus der Diskussion um die Nutzung von Social Web-Plattformen. Aber Unternehmen, die gelernt haben, auf Facebook mit Kritik umzugehen (ok, viele müssen das noch), sollten diese Erfahrung auch auf die Corporate Website übertragen können.

Sicher dürfte es noch einige weitere Hürden geben, Websites dialogorientierter zu konzipieren. So ist bei einem großen Unternehmen die Themenspannweite der Website sicher um ein vielfaches größer als auf der eigenen Facebookseite. Und womöglich läuft die Corporate Website nicht nur auf einem Server und unter einem Content Management-System. Probleme, die organisatorisch und technisch gelöst werden müssen. Aber Dialog anzubieten heißt ja nicht zwangsläufig, auf jeder Unterseite eine Kommentarmöglichkeit vorzusehen. Man müsste sicher einige Phantasie in die Frage der Umsetzung von Dialogangeboten (z.B. Kommentare, Foren, Chats, Diskussionsplattformen) investieren und überlegen, in welchem thematischen Umfeld innerhalb einer Corporate Website diese sinnvoll sein könnten. In diesem Zusammenhang müssten sicher auch Push-Elemente des Social Web (z.B. Abomöglichkeiten, Benachrichtigungen) implementiert werden. Ich meine, solche Probleme sollten lösbar sein und meine deshalb: Wer Corporate Websites höchstens Foren vorsieht, damit Kunden über Produkte sprechen, springt möglicherweise zu kurz.

Ein letzter Gedanke: Ich gehe davon aus, dass ein solcher Ansatz quantitativ eine wesentlich geringere Interaktion schaffen würde als etwa eine Facebook-Seite (wobei es mir nicht darum geht, Facebook-Seiten zu ersetzen). Auf der anderen Seite könnte das Ganze inhaltlich und vor allem in Bezug auf die Bindung positive Effekte haben.

Was meint Ihr?

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Erwähnte Literatur:

  • Sommerfeldt, Erich J.; Kent, Michael L.; Taylor, Maureen (2012): Activist practitioner perspectives of website public relations: Why aren’t activist websites fulfilling the dialo-gic promise? In: Public Relaitons Review (38), S. 303-312.
  • Westermann, Arne (2004): Unternehmenskommunikation im Internet, Berlin:Vistas.

Ähnliche Beiträge im Blog:

Zwiespältige Webautomation

Heute habe ich mal keine Lesetipps hier im Blog, sondern ein paar rohe Gedanken zu Webautomation. Mein Ausgangspunkt: Nachdem ich neulich die Lesetipps zum Wochenende mit storify gebastelt habe, hat mich das Thema Webautomation begleitet. Und ich bin mir darüber noch nicht so im Klaren.

Gerade für die Lesetipps, also im weitesten Sinne Content Curation, könnten Tools wie storify ideal sein. Tatsächlich ist das Tool bequem zu bedienen und das Ergebnis sieht auch sehr schön aus – auf der Website von storify. Übernimmt man das Ganze zum Beispiel in ein WordPress-Blog und schaut nur mal kurz, welcher Code da produziert wird, dann zeigt sich ein ziemliches Tohuwabohu, und es ist nicht verwunderlich, dass ein Überarbeiten eines solchen importierten Posts extrem mühsam, weil unübersichtlich ist – und sei es, um Abstände zu optimieren. Richtig unangenehm für die Leser eines Blogs wird das aber, falls sie die Artikel per Mail abonniert haben – eine Funktion, die WordPress.com anbietet. Das Ergebnis ist je nach Mailclient ziemlich unschön.

Mit einem anderen Lieblingstool IFTT (If This Then That) sollte man deshalb auch vorsichtig sein, wenn am Ende der Bezugskette von Inhalten E-Mails stehen können. Beispiel: Man kann automatisieren, dass die im Feed-Reader markierten Beiträge oder in Slideshare favorisierten Slides irgendwo anders gepostet werden, zum Beispiel in einem Posterous-Blog. Wehe aber, dieses hat jemand per Mail abonniert: Auch hier kann das Ergebnis ziemlich hässlich sein.

Andererseits erleichtert Webautomation mir selbst das Onlineleben gewaltig. Weit verbreitet sind Tools wie Read it Later oder eben IFTT, das ich besonders gern nutze, wenn es um meine eigenen Arbeitsabläufe geht. Beispielsweise wandern dank dieses Tools einmal von mir auf Facebook oder Twitter geteilte Links automatisch in mein Social Bookmark-Archiv. Oder Instagram-Fotos werden auch auf Flickr gesichert.

Mein Zwischenfazit:

Webautomation möchte ich nicht missen, vor allem für mein persönliches Informationsmanagement. Ich werde aber möglichst selten Inhalte von externen Tools in Blogumgebungen übernehmen, denn zumindest das Textdepot hat relativ viele E-Mail-Abonnenten.

Andere Automatismen

Ein automatisches Crossposten (z.B. zwischen Facebook und Google+ oder/und Twitter) mag ich ohnehin nicht. Ausnahme sind für mich Fotos, die ich von Instagram oder meinem Fotoblog automatisch auch nach Facebook posten lasse.

Natürlich gibt es sehr viel mehr Möglichkeiten, einmal aufbereitete Inhalte an anderer Stelle und damit sich oder anderen Zielgruppen bzw. auf anderen Endgeräten zugänglich zu machen. Auch das ist natürlich Geschmacksache: Rein automatisierte Systeme sind mir da ehrlich gesagt unsympathisch bzw. bringen mir nichts. Ich denke da zum Beispiel an tägliche Zusammenfassungen laut mathematischer Algorithmen wichtiger Tweets aus dem Netzwerk anderer Twitterati. Solche “Twitter-Zeitungen” oder wie die Produkte auch heißen mögen, empfinde ich in meiner Timeline mittlerweile eher als störend. Der Grund: Meist habe ich die mich wirklich interessierenden Themen auch anderswo schon gesehen.

Ein wohl recht neues Tool, das in den letzten Tagen in meinem Netzwerk mehrfach auftauchte, ist Readlists. Mit ihm kann man Artikel zu einem Thema sammeln und schwupps werden diese in ein eBook gegossen (z.B. als epub bzw. im Kindle-Format). So etwas kommt mir wie gerufen. Beispielsweise möchte ich damit im nächsten Semester Lesestoff als Hausaufgaben für Studenten zu bestimmten Themen zusammenschnüren. Allerdings muss ich damit noch Erfahrungen sammeln. Was mir aber an der Idee von Readlists gefällt: Ähnlich wie bei Storify wähle ich manuell die Inhalte aus und sie werden für andere (Lese-)Orte neu verpackt. Gut vorstellen kann ich mir auch, auf diese Weise digitale Lesestapel für längere Bahnfahrten mit dem iPad vorzubereiten. Einmal auf’s mobile Gerät geladen, kann man die Beiträge auch offline lesen (so lange man natürlich keinen weiterführenden Links folgen will).

Insofern könnte ich mir auch vorstellen, einmal aus einem Blog wie dem Textdepot einige Beiträge zusammen zu packen und in ein eBook zu gießen. Passend zu diesem Beitrag hat Marie-Christine Schindler mich eben auf Twitter gefragt, was ich davon halte. Entscheidend für mich ist da die Frage der Aktualität. Wenn ein Beitrag auch noch in ein paar Monaten lesenswert ist (und dazu gehört, dass man ihn dann noch verstehen und einordnen können muss und die Aussagen darin dann noch gültig sind), kann er für meinen Geschmack durchaus auch in ein eBook. So etwas könnte prima für kurze Anleitungstexte passen oder ähnliches. Tatsächlich hatte ich einmal damit begonnen, auf Basis des Textdepot ein eBook zu basteln als iBooks Author herausgekommen ist. Damals wollte ich das sehr magazinig gestalten und das Textdepot mit meinem Fotoblog zusammenbringen. Doch das kostet Zeit und blieb bisher unvollendet. Das ist mir aber lieber, als eine automatisierte Lösung, in der einfach alle Artikel zusammengeklöppelt würden. Das kann’s aus meiner Sicht nicht sein. Denn eine Übernahme in andere Formate oder in andere (soziale) Umgebungen erfordert aus meiner Sicht, dass die Inhalte den dortigen Bedingungen und Interessen angepasst werden.

Insgesamt ein sehr weites Feld, über das ich in nächster Zeit intensiver diskutieren und nachdenken möchte. Insofern kann dieser Blogpost nur eine Momentaufnahme sein.

Wie denkt Ihr über diese Themen, die ich zugegebenermaßen ziemlich bunt zusammengemischt habe?

Lokale soziale Netze?

Claudia Klinger hat eine spannende Diskussion angestoßen. Sie meint, es wäre doch eine tolle Sache, wenn es Social Networks gäbe, die auf den regionalen Nahraum ausgerichtet sind. Als mögliche Vorteile sieht sie:

“Die ganze Palette der Nachbarschaftshilfe und der freiwilligen Arbeit könnte eine neue Blüte erleben: Nachhilfe, Babysittig, Teilen von Werkzeugmachinen, Katze füttern, Blumen gießen, Hund ausführen, im Urlaub die selbst begärtnerte Baumscheibe pflegen, alte Menschen besuchen und vieles mehr. Auch stadtteilpolitische Aktivitäten könnten über das LSN organisiert werden. Man fände leicht Partner für diverse Hobbys und Freizeitaktivitäten jenseits des bloßen Konsums von Waren und Dienstleistungen.”

Anhand konkreter Beispiele zeigt sie mehrere Szenarien für solche Lokale Soziale Netze (LSN). Der Beitrag hat eine lesenswerte, teilweise kritische Diskussion ausgelöst. Besonders auffällig für mich: Fast zeitgleich fand ich im Reader die Meldung, dass in den USA Walmart 3.500 Facebook-Seiten auf den Weg gebracht hat, die – gekoppelt mit entsprechenden Apps – die jeweils regionalen Supermärkte und die Anwohner zusammen bringen sollen. Während also im einen Beitrag die Perspektive von Bürgern aufgezogen wird, ist in den USA zumindest offenbar die Wirtschaft am Thema dran. Ob sich das auf die Berliner Eckkneipe übertragen ließe, ist sicher eine andere Frage.

Mir waren bisher Lokalisierungsfunktionen in Social Networks (z.B. in Google+) ehrlich gesagt wenig attraktiv erschienen, denn in meiner Wahrnehmung zielen sie vorwiegend darauf ab, Personen aus dem eigenen Netzwerk, die sich in der Nähe aufhalten, anzuzeigen. Die Idee, dieses Matching themen- (oder problem-)bezogen anzugehen, erscheint mir – zumindest für mich selbst – attraktiver. Also ginge es nicht darum, eine mir bekannte Person zu finden, sondern jemand, der mir ein Problem löst, eine Dienstleistung bietet etc. Bezogen auf Dienstleistungen bzw. Handel bieten das ja bereits Apps wie “Around me“.

Keine Ahnung, ob ein weiter gedachtes Lokales Social Network tatsächlich eine Chance hätte (evtl. ja als Funktion innerhalb von Facebook und Co.). Mir scheint aber, dass es sich lohnt, in diese Richtung weiter zu denken. Ein anderer Faden: Nach meinem Eindruck wird in einigen Städten darüber nachgedacht, wie Bürgerkommunikation und -beteiligung mit Social Media intensiviert werden können. Vielleicht lassen sich solche Fragestellungen und Ideen, wie sie Claudia Klinger gesponnen hat, verknüpfen…

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