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Google+: Communities lohnen einen genaueren Blick

Die Diskussion um Google+ versus Facebook brandet ja seit eh hin und her. Hieran will ich gar nicht anknüpfen, sondern nur ganz kurz nach einem ersten Blick auf die neue Funktion der Communities aus Kommunikationssicht erklären, warum das Ganze sehr interessant sein kann – vorausgesetzt, Google+ ist für eine Organisation oder ein Unternehmen überhaupt interessant.

Screenshot: Community-Bereich bei Google+

Screenshot: Community-Bereich bei Google+

Ehrlich gesagt bin ich ja selbst ein bisschen erstaunt, aber so viel wie in den letzten Tagen war ich bisher noch nicht in Google+. Das liegt unter anderem daran, dass ich ein bisschen mehr mit Seiten herumgespielt habe. Insofern kam es mir sehr gelegen, dass ich seit heute früh mit meinem Account schon die neue Community-Funktion nutzen kann. Google nennt übrigens Community, was bei Facebook Gruppe heißt – wobei Google mit der Bezeichnung tatsächlich recht hat. Und das macht es spannend für Kommunikationsleute, finde ich.

Welche Besonderheiten sind mir also bei den neuen Communities aufgefallen?

  1. Ich kann als Betreiber einer Seite Communites aufmachen. Das geht bei Facebook nicht, sondern muss separat gelöst werden.
  2. G+-Communities können durch verschiedene Themen strukturiert werden. Damit gleicht das Ganze eigentlich Foren.
  3. Ebenfalls wie in Foren gibt es Moderationsmöglichkeiten, so dass User ggf. gebannt oder hochgelevelt werden können.
  4. Bei offenen Communities kann festgelegt werden, ob jeder automatisch Mitglied werden kann oder ob ein Moderator freischaltet.
  5. Der Community-Aufbau ausgehend von einer (Unternehmens-)Seite erfolgt der selben Regel wie das Gewinnen von “Fans”: Als Moderator kann ich direkt offensichtlich nur Leute einladen, die meine Seite ohnehin schon geplust haben. Dies ist sicher ein guter Spam-Schutz, denn natürlich können bei öffentlichen Communities Nutzer natürlich einfach von sich aus Mitglied werden.
  6. [Ergänzung, 18.00]: Es gibt für Communities auch Statistiken, die sehr hilfreich erscheinen. U.a. kann man identifizieren, welche Mitglieder sehr aktiv sind oder zu welchen Zeiten die Community besonders lebendig ist.
  7. Was mir weniger gefällt: Bin ich Mitglied einer Community, erscheinen die Posts ganz normal in meinem Stream. Das bedeutet, als Nutzer muss ich die Community so sinnvoll einem Kreis zuordnen, dass die Beiträge daraus nicht untergehen. Meinem Geschmack entspräche eher, wenn ich wie bei Facebook meine Communities/Gruppen automatisch separat angezeigt bekäme (zumindest ist das meine erste Wahrnehmung dazu)

Was könnte das für das Kommunikationsmanagement bedeuten?

Aus meiner Sicht ist besonders die enge Verknüpfung der unterschiedlichen Funktionen bei Google+ für Unternehmen und Organisationen spannend. Während ich bei Facebook nur Fans auf einer Seite sammeln kann (ok, diskutieren kann ich dort zu den Posts auch), bietet Google+ ergänzend echte Communities, so dass man dort beispielsweise bestimmte Kommunikationsaufgaben direkt lösen kann, die nicht auf der vielleicht PR-lastigen Seite stattfinden sollen. Ich denke da z.B. an Kundensupport. Bei Facebook besteht ja häufig das Problem, dass hierfür entweder spezielle aufwändige Anpassungen oder gar mehrere Seiten für unterschiedliche Kommunikationsaufgaben benötigt werden. Zu dieser erwähnten engen Integration zähle ich auch die Hangouts. Insgesamt hat Google+ von der nackten Funktionalität her für mein Empfinden gegenüber Facebook Vorteile.

Sehr praktisch erscheint mir zudem, dass unter Unternehmensseiten auch versteckte Communities möglich sind, so dass sich in einer solchen geschlossenen Gruppe beispielsweise Moderatoren der Seite austauschen und dazu verschiedene Tasks (z.B. To do, Themenplan, Abstimmungsbedarf) organisieren können. Viele weitere Anwendungsmöglichkeiten gibt es sicher im Projektmanagement.  Das werden wir uns in einem kleinen Team in nächster Zeit mal ausführlicher anschauen und darüber berichten.

Doch bei aller Begeisterung für zusätzliche schicke Funktionen: All dies bringt natürlich nur etwas, wenn man eine Gesamtbetrachtung macht, die Kommunikationsstrategie steht, die richtigen Zielgruppen auf der Plattform sind etc. Aber immerhin: Beobachten sollten wir immer, wie sich neue Funktionen auf den Nutzerkreis und die Nutzungsgewohnheiten auf einer Plattform auswirken.

Weitere Eindrücke und Screenshots gibt’s bei Cashy und bei Basic Thinking.

Branch: Bessere Diskussionen im Netz?

Beispiel für eine Diskussion in Branch

Die Qualität von Diskussionen bzw. Kommentaren im Netz ist ja eigentlich schon immer ein Thema, das in dieser Woche hier zu Lande durch einen großen Seufzer von Markus Beckedahl wieder besonders viele beschäftigt hat. Sein Ausgangspunkt: Er habe im Blog Netzpolitik zigtausende Kommentare lesen müssen, doch die wenigsten hätten wirklich einen guten Beitrag zur Diskussion gebracht. Abgesehen davon, dass Markus’ Rant hohe Wellen schlug (und ohne auf deren Verlauf einzugehen), finde ich spannend, dass mit Branch eine Plattform aufgebaut wird, die gerade für Diskussionen entwickelt wurde – und zwar mit Qualitätssicherung. Allerdings mit einigen Unterschieden zu Kommentaren in Blogs. Dank der Einladung des Kollegen Heinz Wittenbrink konnte ich mich in den letzten Tagen ein bisschen umschauen in Branch. Erste Eindrücke.

Was ist Branch?

Branch ist eine Diskussionsplattform, die ein bisschen an die guten alten Foren erinnert – aber hübscher ist: Jemand eröffnet eine Diskussion, andere antworten.

  • Erste Besonderheit dabei: Die Diskussionsteilnehmer werden vom Initiator eingeladen, es diskutiert also ein exklusiver Kreis – vermutlich von Leuten, die sich schon ganz gut kennen. Die Diskussion baut also auf ein relativ stabiles soziales Netz.
  • Zweite Besonderheit: Jeder Teilnehmer kann immer nur einen weiteren Gesprächspartner dazu einladen.
  • Dritte Besonderheit: Aus jedem Statement lässt sich eine neue Diskussion abzweigen.
  • Viertens: Diskussionen sind immer öffentlich und Lesern abonnierbar.
  • Fünftens: Wer eine interessante Diskussion entdeckt und sich einmischen möchte, muss zunächst brav anstehen und den Moderator fragen. Erst nach seinem “ok” darf man auch mal was sagen.

Durch die Begrenzung der Mitgliedschaft in einem Threat soll die Qualität der Diskussion hochgehalten werden. Technisch ist das Ganze eng mit Twitter verknüpft (was so bleiben dürfte, da zwei der Twitter-Gründer an Branchbeteiligt sind), und so lassen sich einzelne Statements per Twitter weitertragen oder andernorts einbinden.

Wie fühlt sich das an?

In der ersten Diskussion, an der ich teilgenommen habe und die Heinz Wittenbrink initiiert hatte, habe ich das Ganze als fokussiert wahrgenommen – eine angenehme Konzentration auf das Wesentliche. Einfach schreiben, abschicken, die Begrenzung auf 750 Zeichen pro Statement einhalten. So weit so angenehm. Ein Nebenzweig (also eine neue Diskussion, die von einem Statement ausgeht) lässt sich ebenfalls problemlos starten. Allerdings: Wer das macht, muss wieder von vorn Gesprächspartner einladen. Ärgerlich aus meiner Sicht: Derjenige, der das erste Statement dieser neuen Diskussion gemacht hat, ist nicht automatisch dabei in der Runde.

Ansonsten: Das Initiieren von Diskussionen, die gut laufen, dürfte eine hohe Kunst sein – hier geht es besonders um die richtige Auswahl der Gesprächspartner. Fragt sich, wie sich das entwickelt: Denn ich kann mir vorstellen, dass einige Leute künftig laufend Anfragen zur Teilnahme an Branch-Diskussionen erhalten. Schön vielleicht für Politiker, für manch anderen vielleicht irgendwann zu viel des Guten.

Auf der Startseite von Branch gibt es ein paar Empfehlungen

Ein anderes Thema ist die Orientierung innerhalb von Branch: Denn so richtig klar geworden ist mir nicht, inwiefern Nutzer einfach in Branch Diskussionen entdecken sollen. Zwar gibt es wie im Screenshot gezeigt auf der Startseite Empfehlungen, aber nach welchen Kriterien die nach oben gespült werden, habe ich nicht feststellen können. Klar scheint zumindest, dass eine thematische Sortierung – etwa mit Tags – nicht vorgesehen ist, ebenso wenig wie Themenprofile, die Nutzer anlegen könnten. Insofern gehe ich davon aus, dass vor allem darauf gesetzt wird, dass interessante Diskussionen bei Branch erst durch Hinweise bei Twitter (oder andernorts) entdeckt werden dürften.

Ein Einordnungsversuch

Die paar Leute, die in Heinz’ Branch diskutiert haben, waren überwiegend skeptisch. Tenor: Eine Plattform mehr, diskutieren kann man schon längst auf etablierten Plattformen. Heinz sieht das anders:

“Kann man Plattformen wie Branch (und davor Google Wave) nicht als Ergebnisse einer Ausdifferenzierung des Bloggens verstehen? Microblogs (wie Twitter) und Tumblelogs lassen einen ja auch leichter und vielleicht besser etwas tun, was auch mit einem normalen Blog möglich war. Die Frage wäre dann: Unterstützt Branch bestimmte Formen des Bloggens (explizites Fragestellen, Weitergeben von Themen wie bei Blogparaden) so gut, dass es dafür einfacher ist, zu “branchen” als zu bloggen?”

Worauf Heinz auch hinweist: Anders als im Blog sind bei Branch alle Beteiligte gleichermaßen für eine Diskussion verantwortlich.

Nächster Schritt im Web-Publishing?

Wie einige andere neue oder gerade entstehende Dienste wird Branch von manchen als Baustein eines nächsten Schrittes des Web-Publishings gesehen. ReadWriteWeb argumentiert, dass mit Diensten wie Branch, app.net oder Medium sowohl die Qualität gesteigert wie gleichzeitig die Schwellen des Publizierens gesenkt werden sollen. Botschaft: Ich muss kein Blogger sein, um zu Publizieren. Ich würde ergänzen: Aber zu sagen oder zu fragen haben muss ich sehr wohl etwas. Inhaltsarme oder trollige Kommentare wie von Markus Beckedahl kritisiert, dürfte es in einem solchen Umfeld kaum geben. Gleichzeitig passen Dienste wie die Genannten in eine aktuelle Diskussion, in der es um das Herauslösen von Inhalten weg von Websites zu Informationsströmen geht – eine Diskussion übrigens, die so neu gar nicht ist.

Szenarien

Für mich als PR-Mensch ist noch weitgehend unklar, wie sich Branch einsetzen lässt und vor allem: wie es sich entwickelt. Ob ein Dienst, der noch nicht vollständig “public” ist, genügend Schwung bekommt, muss sich ebenfalls zeigen – diese Entwicklungszeit muss man ihm zugestehen. Aber ein paar erste Einsatzideen habe ich. So kann ich mir beispielsweise vorstellen, dass mit Branch eine Art Reporter-Team über eine Veranstaltung berichtet – sei es ein Konzert, eine Politikveranstaltung, eine Fachmesse oder eine Tagung. Eine Alternative also zum Live-Bloggen. Besonders charmant finde ich, dass ausgehend hiervon viele Einzeldiskussionen abgezweigt werden können. Möglich sind sicher auch Fachdiskussionen von Experten in der B2B-Kommunikation, aber auch in der Nonprofit-Kommunikation. Oder kleine Challenges, die man in der B2C-Kommunikation stellen könnte. Hier könnte sicher mit dem Reiz der Verknappung (also die Exklusivität des Teilnehmerkreises) gespielt werden. Allerdings frage ich mich schon, wie außerhalb dieses Spezialfalles gerade in der PR die von Branch propagierte Abgeschlossenheit einzuschätzen ist. Im ersten Moment scheint mir das ein Widerspruch zu sein zur schon lange diskutierten Offenheit der Kommunikation, die viele Unternehmen erst einmal erreichen müssen.

Fazit

Alles in allem ist Branch derzeit für mich ein interessantes Beispiel für neue Webdienste, die Inhalte in den Vordergrund stellen – nach den bildorientierten Services wie Instagram und Pinterest geht es dabei nun vor allem um Texte und Diskussionen. Die tatsächliche Relevanz und die Einsatzmöglichkeiten einer solchen Plattform müssen sich sicher noch zeigen.

Weitere Artikel:

Meine Lieblings-Apps

Wenn mit Daniel Rehn ein ehemaliger Student zur Blogparade aufruft, bin ich dabei: “Zeigt her, Eure Apps”, lautet die Aufforderung. Ok, ich geb’s zu: Im ersten Moment war ich nicht sooo begeistert, im zweiten habe ich mich dabei ertappt, ein paar andere Posts aus der Parade mit einer gewissen Neugier gelesen zu haben. Lieblingslisten funktionieren halt doch oft. Zeit, selbst etwas beizutragen.

(Foto: Bella Rain)

(Foto: Bella Rain)

Tatsächlich habe ich vor ein paar Tagen das iPhone aufgeräumt, denn von den deutlich mehr als 100 Apps nutze ich nur einige wirklich regelmäßig. Zum Beispiel (einige davon öfter auf dem iPad):

  • What’s App: Kennt man. Dient v.a. der privaten schnellen Kommunikation; besonders die Kurznachricht innerhalb einer Gruppe ist sehr praktisch.
  • Google: schafft mir Zugang zum Feedreader, zu Google+ und News – eigentlich auch zu anderen Google-Diensten, die nutze ich aber nicht oder separat (Mail, Kalender)
  • Facebook: selbsterklärend, wenn auch die App nicht so doll ist.
  • Diigo-Browser: kann Tabs und Lesezeichen
  • RMV: Da ich meist das passende Kleingeld nicht dabei habe, kaufe ich Nahverkehrstickets im Rhein-Main-Gebiet fast immer mit dieser App – auch wenn ihre Usability gruselig ist. Überregional ist die Bahn App klasse.
  • Navigon: Mit Autohalterung ist das Smartphone ein für meine Ansprüche prima Navi – und vor allem ist flinc*, die mobile Mitfahrzentrale, integriert.
  • Evernote: digitale Notizbücher, bei mir sortiert nach Rollen (z.B. Lehrveranstaltungen, Publikationen, Dekanat, Persönliches) und natürlich mit allen Endgeräten synchronisiert.
  • WordPress: Eigentlich blogge ich fast immer mit dem Notebook, aber für das Kommentarmanagement nutze ich auch die App
  • Keynote Remote: Schön daran ist, dass man bei Präsentationen auch die folgende Folie auf dem Smartphone sieht. Allerdings hakelt das Ding, wenn ich zu einer Folie zu viel erzähle.
  • iA Writer: Einfach nur Texte schreiben. Am liebsten dann mit dem iPad.
  • PicPosterous: Ich fotografiere mit ganz verschiedenen Apps und ich habe noch mehr Apps zur Bildbearbeitung, meist lasse ich das aber und lade Fotos direkt mit dieser App von unterwegs ins Fotoblog – wenn ich nicht gerade Instagram verwende.
  • Path: Ist sozusagen ein ganz privates mobiles Blog, mit dem man auch mal zum Essen rufen kann ;)
  • Dropbox: Brauche ich nicht zu erklären. Der für mich wichtigste Ordner unterwegs wird vom Desktop mit pdfs bestückt, die ich mal in Ruhe lesen will (dann am liebsten auf dem iPad)
  • Booking.com: Wie der Name sagt – bequem, um ein Hotelzimmer zu reservieren
  • Telefonbuch: Brauche ich nicht sehr oft, freue mich aber jedesmal, wenn’s nötig ist, dass ich z.B. gefundene Kontaktdaten direkt in meinen Kontakten speichern kann.
  • eyeTV netstream: Dank einer kleinen Box im Keller werden die vom Satelliten eingefangenen Fernsehkanäle ins WLAN gestreamt, so dass ich auch mal auf dem iPad TV gucken kann.
  • Die ARTE-App mag ich übrigens auch recht gern, weil sie einfach schön gemacht ist und mir ab und zu Sendungen zugänglich macht, die ich sonst nie sehen würde.
  • Kindle: Schafft mir auch auf dem iPad Zugang zu entsprechenden eBooks
  • Ausgespielt*: Ein journalistisches iPad-Magazin zum Thema Spielen

Heimatlos bin ich im Moment allerdings in Bezug auf Twitter. Da spiele ich mit etwa fünf verschiedenen Apps und bin mit allen nicht ganz glücklich.

Disclosure: Die mit * gekennzeichneten Projekte sind bei uns am Mediencampus entstanden.

Update (26.6.): JUICEDaniel hat mir gezwitschert, Booking.com sei wohl eher was für verschwenderische Profs. Er rät zu holidaycheck.de, ab-in-den-urlaub.de, weg.de und tripadvisor.de. Dann schaun wir mal. Für mich ist bei solchen Apps vor allem wichtig, dass ich von unterwegs aus kurzfristig noch ein Bett finde, mal schaun, wie das klappt.

Bilder sammeln und verbreiten – meine Eindrücke von Pinterest

Manche Bilder verbreiten sich auf Pinterest rasantÜber Pinterest ist in letzter Zeit so viel geschrieben worden, dass ich schon überlegt habe, ob ich das jetzt auch noch soll (hier geht’s zu einer Blogparade). Aber nachdem ich jetzt schon ein Weilchen damit herumgespielt habe, schildere ein paar Eindrücke des aktuellen Hype-Netzwerkes. Wer’s nicht mehr hören kann: Ich schweige nach diesem Beitrag hierzu eine Weile still ;) Ansonsten: Zahlen und Daten gibt’s zum Beispiel hier und dort. Mein Zwischenfazit als PR-Mensch: Wer gute Bildbotschaften hat, kann diese über Pinterest einfach verbreiten. In welchem Maße man damit wirklich Kommunikationsziele erreichen kann, muss sich noch zeigen.

Meine erste Annäherung an Pinterest geschah mit einer Kindheitserinnerung: Als ich zur Schule ging, waren Sammelbildchen furchtbar in und machten so manche Verleger froh. Ob im Schreibwarenladen, in der Volksbank oder im Schokoriegel – je nach Verlag und Thema gab es ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle rund um die Bilder von Fußballern oder Olympioniken. Ich hatte damals immer vermutet, die Verleger scheffelten rund um Großereignisse so viel Geld, dass sie bis zur nächsten EM, WM oder Olympiade nicht mehr arbeiten mussten. Heute wundere ich mich, dass Sammelbildchen noch immer zu funktionieren scheinen. A propos: Gibt’s zur EM eigentlich schon Alben? Egal. Aber wahrscheinlich stecken hinter der Sammeleuphorie der ollen Fotos ganz ähnliche Motive, die auch die digitale Sammel- und Herzeigewut auf der relativ jungen Social Media-Plattform Pinterest anfeuern.

Die analogen Bildchen jedenfalls füllten begleitend zu wichtigen Ereignissen wie einer Fußball-WM die Hosentaschen vieler Kids. Herzeigen, tauschen, ins Sammelheft einkleben und sich darüber selbst darstellen – darum ging es und geht es noch heute. Pinterest ist da ganz ähnlich gestrickt: Seine Nutzer sammeln auch Bilder (und ein paar Videos), ordnen sie verschiedenen Alben zu, folgen den Alben anderer Nutzer und hamstern besonders tolle Bilder der anderen im eigenen Album. Das nennt sich dann repinnen.

Jedes Mal, wenn ich auf die Startseite von Pinterest gehe, bekomme ich ein seltsames Gefühl: All diese perfekten Bilder – Mode, Landschaften, Gadgets, coole Sprüche, Cartoons und nicht zu vergessen die türrahmengroßen Social Media (Pseudo-)Infografiken. Irgendwo beeindruckend, was die Leute Hübsches finden, wovon sie offenbar träumen oder womit sie später auch arbeiten wollen. Man übertrifft sich gegenseitig in gutem Geschmack. Aber ich bin ja mittendrin und mache es genauso.

Drei meiner - vermutlich nicht ganz repräsentativer - Boards

Ein Sammelalbum (aka Board) habe ich mal unserem Mediencampus gewidment, sozusagen, um ein bisschen visuelle PR zu betreiben. In einem anderen Album sammle auch ich Infografiken (lieber aber in Präsentationen verwendbare), in einem weiteren die Cover oder Ausschnitte von Fachbüchern. Als Nutzer lege ich also visuelle Bookmarks an, die der Selbstdarstellung oder der PR dienen können oder einfach der Organisation von Materialien, die ich später wieder verwenden möchte. Ein paar der gepinnten Infografiken habe ich tatsächlich schon für eine Präsentation nutzen können, einmal habe ich einen Pin auch hier im Textdepot eingebunden. Ohne Pinterest hätte das Ganze jedoch auch nicht anders ausgesehen.

Soweit die Nutzersicht. Wie ist’s nun mit Unternehmen oder NGOs? Hier werden die aktuell zusammengetragenen Zahlen interessant. Zunächst ist auf Andreas Werners ausführlichen Beitrag auf futurebiz zu verweisen, der fragt, für welche Unternehmen in Deutschland sich Pinterest schon lohnt. Ergebnis:

“Es geht um Bekleidung, Mode, Inneneinrichtung, Urlaub, Bücher und sonstige Produkte, die man schön auf Fotos darstellen kann. Das Wording ist sehr an – entschuldigen Sie bitte – Frauenzeitschriften angelehnt.”

Beispielhaft zu besichtigen bei Nordstrom oder Modcloth. Zudem präsentiert Werner Zahlen, die belegen, dass 80 Prozent der Pins nicht von den Usern originär hochgeladen bzw. festhalten werden, sondern Repins darstellen. Gute Bilder wandern also in viele Alben und verbreiten sich auf diese Weise. Hier ist sicher ein Unterschied zu reinen Foto-Communities wie flickr zu sehen (wobei Picasa in Verbindung mit Google+ etwas anders zu sehen ist). In Bezug auf Pinterest wird noch zu analysieren sein, welche Arten von Bildern (thematisch und stilistisch betrachtet) eher verbreitet werden als andere.

Die grundsätzliche Frage ist natürlich, wie sich Pinterest entwickelt. Bisher ist die deutsche Community extrem klein (ca. 69.000 Unique User im Januar) und noch immer nicht öffentlich; in den USA gibt es zu dieser Zeit 11 Millionen User. Bekanntlich wird jedoch die Reichweite überbewertet – entscheidend ist schließlich, Beziehungen mit den jeweils wichtigen Stakeholdern zu pflegen, um Kommunikationsziele zu erreichen. In den USA ist beispielsweise der Anteil junger Mütter, die schon Facebook intensiv nutzen, auf Pinterest besonders groß (weitere Daten). Immerhin, der Aufwand, Pinterest zu nutzen, ist nicht groß, wenn man ohnehin über gutes Bildmaterial verfügt. Sehr gut vorstellen kann ich mir, dass jenseits der Hochglanzbilder zum Beispiel auch authentische Kampagnenbilder einer NGO funktionieren könnten (mehr zu Nonprofits bei mashable) oder auch Bildwettbewerbe zu bestimmten Themen oder Produkten. Hier kann sicher noch einiges ausprobiert werden – gegebenenfalls auch der direkte Weg in den Online-Shop. Beispiele für deutsche Unternehmen auf Pinterest wurden ebenfalls schon einige besprochen. Entscheidend ist für mich auf jeden Fall, dass visuelle Botschaften in der Kommunikation eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Was beim Nutzer identitätsfördernd sein kann, kann bei Unternehmen die Markenwahrnehmung (oder die Wahrnehmung bestimmter Themen) unterstützen. Inwieweit das wirklich wirkt, muss wie gesagt erst noch untersucht werden.

Lebendige Leichen und muntere Spielwiesen

Gestern ist mir “a lebendige Leich” begegnet – mein Friendfeed-Account. Ganz ehrlich, ich wusste gar nicht mehr, dass ich das Ding noch habe. So überleben sich Social Media-Tools. Immerhin hat mich das Ganze neugierig gemacht, und ich habe nebenan die Seite Spielwiese aktualisiert.

Doch kurz zurück zu Friendfeed: Vermutlich kennen viele diesen Lifestreaming-Service gar nicht mehr. Angeblich habe ich dort mehr als 400 Abonnenten. Keine Ahnung, ob ein einziger das Ganze wirklich nutzt. An sich ist FF ja keine schlechte Idee, werden doch dort alle möglichen Feeds einer Person (oder Marke) zusammengefasst, ein digitaler Schmelztiegel also. 2008 war es, als Marcel Weiss euphorisch vom nächsten großen Ding schrieb. Und was ist daraus geworden? Friendfeed, dessen Gründer ehemalige Google-Mitarbeiter waren, ist längst von Facebook aufgekauft, und seitdem besteht die einzige Zuckung darin, ab und zu mal offline zu sein, was dann über den deshalb ziemlich traurig daher kommenden Twitterkanal verkündet wird. Ansonsten werkelt der Dienst vor sich hin, bietet die Integration längst toter Dienste wie Furl an und ist wohl vor allem durch den Boom von Facebook irgendwie auf dem Abstellgleis gelandet.

Ich war schon versucht, meinen Account zu löschen, habe aber nochmal davon abgesehen. Warum? Sentimentalität? Ein bisschen. Vielleicht ist das Ganze aber doch nochmal zu etwas gut – vielleicht lässt sich ja noch Google Plus einbinden und der so genierierte Feed irgendwo verwenden? Mal schauen.

Geschaut habe ich dann auch mal auf die Unterseite “Spielwiese” hier im Blog. Ich gestehe: auch das habe ich seit Monaten nicht mehr. Ein guter Grund, das Ganze mal zu aktualisieren. Neben dem eigentlich noch laufenden Friendfeed bin ich auf wirklich tote Services gestoßen. Ein paar neue, zum Teil recht muntere Spielwiesen habe ich ergänzt, so dass diese Seite nun eine Art Social Media-Biographie darstellt.

 

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