Veranstaltung zu Blogger Relations: Grundlagen und Erfahrungen
Das Thema Blogger Relations kam im Textdepot ja schon öfter vor. Und fast jeden Tag wundere ich mich, warum manche PR-Agenturen und Unternehmen offensichtlich meinen, Blogger Relations zu betreiben, indem sie bloggende Menschen einfach mal mit Presseinfos beglücken (ja, hierüber wundere ich mich seit Jahren). Wie auch immer: Ich freue mich sehr, dass wir am Donnerstag, 18. April 2013, eine kleine Veranstaltung anbieten können, um über Influencer im Web zu diskutieren. Vor allem wird es dabei um die Herangehensweise und Erfahrungen von Škoda in Bezug auf Blogger Relations gehen.
Natürlich gibt es nicht den einen besten Weg, auf Blogger und andere Influencer im Social Web zuzugehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Und natürlich wollen viele das gar nicht. Hierfür möchten wir in der zweistündigen Veranstaltung auch Verständnis wecken und umgekehrt diskutieren, was Blogger motiviert und welche Art von Informationen sie vielleicht eher anspricht als eine Presseinformation.
Doch vor der Ansprache kommt die Wahrnehmung. Eine Menge Unternehmen haben die neuen Influencer nach meinem Eindruck noch nicht wirklich auf dem Radar und wissen nicht immer, wie sie überhaupt herausfinden sollen, ob zu ihren Themen online intensiver diskutiert wird bzw. wer hierbei wichtige Akteure sind. Insofern werden wir bei der Veranstaltung kurz auch das Identifizieren von Influencern diskutieren. Wichtig ist mir dabei, dass man nicht möglichst viele Namen sammelt, sondern die für die jeweilige Aktion oder Zielsetzung relevanten Leute identifiziert. Schließlich muss ich zum Beispiel nicht unbedingt zu jedem Techblogger Beziehungen aufbauen, wenn ich gerade ein regionales Startup auf den Weg bringe. Im dritten Teil der Veranstaltung geht es dann um die genaue Herangehensweise von Škoda: Elena Funk, verantwortlich für Social Media bei Škoda Auto Deutschland, wird berichten, warum und wie sie mit Bloggern zusammenarbeitet und wie das aus ihrer Sicht funktioniert. Blogger scheinen die Aktivitäten des Unternehmens jedenfalls recht positiv zu sehen. (Disclosure: Ich bin gelegentlich als Sparringspartner zu Social Media in der Kommunikationsabteilung von Škoda).
Noch kurz zum organisatorischen Hintergrund der Veranstaltung “Neue Meinungsmacher: Was motiviert Blogger und was spricht sie an?”: Veranstalter ist unser Kompetenzzentrum für Social Media und E-Learning, der eBusiness-Lotse Darmstadt-Dieburg. Zielgruppe sind vor allem Einsteiger in das Thema aus dem Rhein-Main-Gebiet. Die Teilnahme ist dank BMWi-Förderung kostenlos, eine Registrierung ist jedoch bis 11. April notwendig. Ich vermute, dass für viele Leser des Textdepot das Thema längst nicht mehr neu ist, aber vielleicht haben Sie ja Kunden oder andere Bekannte, die einen kompakten Einblick suchen.
Die Eckdaten zusammengefasst:
- Neue Meinungsmacher: Was motiviert neue Meinungsmacher und wie spricht man sie an?
- Mit Elena Funk, Škoda Auto Deutschland; Pia Sue Helferich und Thomas Pleil, eBusiness-Lotse Darmstadt-Dieburg.
- Donnerstag, 18. April 2013, 16 bis ca. 18 Uhr, anschließend Zeit zum Netzwerken.
- Veranstaltungsort: Mediencampus in Dieburg
Blogger verstehen und identifizieren (Teil 1)
Vor den Blogger Relations kommt das Verständnis von Bloggern. Genauso wichtig ist es, aus PR-Sicht festzustellen, mit wem man sich überhaupt unterhalten beziehungsweise Beziehungen aufbauen sollte, um im Social Web Unternehmensziele besser zu erreichen. Deshalb hat mir gut gefallen, dass auf der Fachtagung Social Media Relations der Deutschen Presseakademie in Berlin Anfang dieser Woche diesen Fragen viel Raum gegeben wurde. Ich hatte dabei die schöne Aufgabe bekommen, zu erklären, wie Blogger denn eigentlich ticken. Im Zug habe ich mir noch ein paar Gedanken zum Identifizieren relevanter Blogger beziehungsweise Influenceer im Social Web gemacht. Hierzu möchte ich (in Teil 2 dieses Beitrags) ein kleines Modell zur Diskussion stellen und ggf. in der Lehre einsetzen.
Vorweg: Das meiste, was ich im Folgenden beschreibe, ist alles andere als neu. Aber es gibt natürlich immer eine Menge Menschen, die erst jetzt mit Bloggern/Influencern in Berührung kommen. Bei der Vorbereitung staunte ich: So eine erste Begegnung mit einem echten Blogger kann sogar im Jahr 2012 noch einen Beitrag auf welt.de auslösen. Diesen will ich jetzt hier nicht weiter besprechen – bilde sich wer mag seine Meinung.
PR-Leuten zu erzählen, wie Blogger ticken, ist undankbar. Schließlich nehme ich Blogger als so unterschiedlich wahr, wie Menschen eben unterschiedlich sind. Für mich sind Blogger eben Menschen, die gern schreiben und diskutieren. Um bloggende Menschen ein wenig kennen zu lernen, hilft natürlich schon immer: Lesen. Ihre Blogs, nicht nur ein Bloggerverzeichnis. Und dann gegebenenfalls “richtig” kennenlernen – auf BarCarmps, Messen oder auch durch die richtige Ansprache per Mail (weitere Tipps hierzu z.B. bei Robert Basic). Für den Vortrag in Berlin habe ich mich gefragt, ob es ein paar verallgemeinerbare Dinge gibt, die einem PR-Neuling helfen, Blogger zu verstehen.
Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass Bloggen für die meisten sehr viel Spaß, Leidenschaft und Unabhängigkeit bedeutet – und dass Bloggen für die meisten nebenbei, also nicht hauptberuflich, passiert – sieht man von der überschaubaren Zahl der Berufsblogger ab. Oft wird also am Abend (so wie ich gerade) oder am Wochenende geschrieben. Das bedeutet auch: Mir kann ein super-spannendes Thema begegnen, über das ich gern schreiben würde, aber wenn ich keine Zeit dazu habe, wird eben nichts draus. Als jemand, der gern schreibt, bedauere ich das. Unangenehm wird es aber, wenn andere (z.B. Unternehmen, Agenturen) dann auch noch nachfragen. Einem Blogger ein Thema vorschlagen und dann nachhaken, wenn es nicht veröffentlicht wird, ist mindestens genauso unangebracht, wie Presseinformationen hinterher zu telefonieren. Die Ansprache macht natürlich auch viel aus, Ansprüche formulieren kommt bei Journalisten wie bei Bloggern nicht an. Grundsätzlicher: Ein Journalist mag ja verpflichtet sein, die wichtigen Themen für die Öffentlichkeit aufzubereiten – Blogger sind es nicht. Journalisten haben für die Themenauswahl mit den Nachrichtenwerten eine Art professionelle Richtschnur der Themenauswahl (die sie selbst treffen müssen). Diese beinhalten eine Einordnung der unterstellten öffentlichen Relevanz eines Themas. Blogger interessieren sich für ein Thema – oder nicht.
Spricht man über Blogger, muss man sie allein aufgrund ihrer recht kleinen Zahl in Deutschland wohl noch immer als Exoten betrachten, die – wenn sie denn wahrgenommen werden – durchaus auf unterschiedliche Meinungen stoßen. So halten manche Journalisten sie für “geschwätzige Zeitdiebe” wie im oben referenzierten Artikel zu lesen war. Andere verbinden nach wie vor große Hoffnungen mit der Unabhängigkeit von Bloggern, während wieder andere desillusioniert sind und meinen, die guten Blogger seien ohnehin “embedded” bei den großen Medienhäusern.
Aufgefallen ist mir bei der Vorbereitung des Vortrags auch, dass über Blogger, ihre Motivation und Arbeitsweise relativ wenig aktuelle Daten vorliegen. Übrigens steht der Begriff Blogger für mich in diesem Fall der Einfachheit halber pars pro toto: Kann sein, dass er in einem Weblog publiziert, auf Youtube, G+ oder einen Podcast produziert. Wichtige Erkenntnisse zu Bloggern hat vor einigen Jahren schon Jan Schmidt zu Tage gefördert. Einige wichtige von Jan ermittelte Zahlen zu Motivation und Arbeitsweise sowie ein paar Daten zur Demografie habe ich für den Vortrag (Slideshare) zusammengestellt – vermutend, dass hier auch Zahlen von 2007 auch heute zumindest noch eine grobe Orientierung geben können.
Besonders beschäftigt hat einige Teilnehmer der Tagung die Tatsache, dass Objektivität für Blogger nach den Zahlen von Jan Schmidt eine geringe Bedeutung hat. Ein Umstand, den ich ehrlich gesagt nicht als überraschend oder problematisch finde. Denn was heißt Objektivität? Im journalistischen Sinne heißt dies, dass man unterschiedliche Positionen beleuchtet, Meinungen von verschiedenen Leuten einholt. Dass Blogger dies nicht tun, ist nicht weiter überraschend – schließlich sind Blogposts Beiträge zu Gesprächen – jeder Post ist sozusagen eine Meinung – und unterschiedliche Meinungen können in Kommentaren diskutiert bzw. durch weitere Posts in anderen Blogs veröffentlicht werden.
Wichtig zu betonen ist sicher auch, dass es Blogger gibt, die mit Unternehmen (oder NGOs) nichts am Hut haben und von ihnen schlicht nicht angesprochen werden möchten. Oder darin völlig ungeübt sind. Ein 16-Jähriger Teenager kann einen tollen Blog führen, aber woher soll er wissen, wie man mit PR-Leuten umgeht, die nun plötzlich Beziehungen – was auch immer das dann heißt – zu ihm aufbauen möchten? Und andere wiederum professionell und routiniert damit umgehen.
Eine andere Frage, die auf der Tagung intensiver diskutiert wurde, war die nach einem Blogger-Ethos. Gibt es den? Ich glaube eigentlich schon. Natürlich gibt es diesen nicht auf Papier, sondern er wird durch soziales Lernen vermittelt. Was gehört dazu? Ein wichtiger Aspekt aus meiner Sicht: Transparenz. Durch Offenlegung von Quellen durch Links, Veröffentlichen möglicher Interessenskonflikte bzw. von Vorteilen, die man erhalten hat (z.B. bezahlte Reise zum Bloggerevent) wird Transparenz hergestellt. Was gehört noch dazu? Eine eigene Meinung bzw. eine wieder erkennbare Stimme (“VOICE” hat Robert Basic auf Facebook dazu neulich laut ausgerufen) und die Einladung zum Gespräch (was wichtiges vergessen?)
Was ich aber nicht so ganz einschätzen kann: Welcher Blogger hält sich an solche Regeln? Sind das nur diejenigen, die schon länger in Blogs unterwegs sind? Wie ist das mit Pröbchenbloggern, die sich vor allem um neue (Test-)Angebote oder Coupons sorgen, wurde gefragt. Unter den an der Tagung teilnehmenden PR-Leuten schien aber weitgehend Einigkeit darin zu bestehen, dass Blogger mit Abstaubermentalität für Unternehmen mittelfristig ohnehin uninteressant sind. Im übrigen habe ich das Gefühl, dass mit dem Bloggen bei den meisten eine Art Sozialisationsprozess kommt. Aber das ist, wie das halt mit Gruppen auf dem Pausenhof schon immer war: Die einen gruppieren sich um den coolen Lederjackentypen, andere stehen im Dauerwettbewerb um den besten Style, wieder andere beobachten nur oder drehen sich im weiten Kreis um die anderen herum.
So weit, so schön. PR-Leute fragen sich irgendwann jedoch: Wie identifiziert man Blogger, mit denen es sich lohnt, Beziehungen aufzubauen? Ein paar Überlegungen dazu (einschließlich eines Tabus) im nächsten Post (hier).
Online-PR: Eine Disziplin mit Zukunft?
Zum zehnten Geburtstag des Studiengangs Journalismus und PR an unserer Partnerhochschule FH Joanneum in Graz hatten mich die Kollegen um Heinz Wittenbrink um eine Special Lecture zu “Zukunftsskizzen der Online-PR” gebeten. Die Zukunft vorherzusagen traue ich mich nicht, habe mich aber bemüht, einige aktuelle Herausforderungen zu adressieren und schlussendlich kurz zu diskutieren, ob es Online-PR noch braucht.
Das Spannende an der Online-PR ist ja, dass wir das Unmögliche – den Blick in die Zukunft – kaum brauchen, um Herausforderungen für zumindest die nächsten Tage zu identifizieren. Viele davon sind uns schon lange bewusst (aber sie stehen noch immer auf der To do-Liste), ein paar kristallisieren sich vielleicht gerade noch stärker heraus. Klar, wer sich mit Online-PR beschäftigt, muss ständig auf’s Neue verstehen, was “online” bedeutet: Aus technologischer Sicht, in Hinblick auf Kompetenzen (eigene und jene der Stakeholder), in Bezug auf Öffentlichkeit und soziale Netzwerke, Kommunikationsstile und -ziele, Erwartungen, Inhalte, Interessen und so fort.
Viele der Überlegungen, die in meinen Vortrag geflossen sind, sind den Lesern des Textdepot bestens vertraut. Insofern will ich nur wenige Punkte kurz herausgreifen, die uns nach meinem Eindruck in nächster Zeit intensiver beschäftigen werden und die wir in Graz ein bisschen intensiver angeschnitten haben:
- Multimedia ist ja in Bezug auf das Internet eigentlich ein uraltes Thema. Für die PR scheint mir aber der Sprung vom Text- ins Bilddenken besonders herausfordernd. Wer weiß, wie die Fotoarchive vieler PR-Abteilungen aussehen, weiß, was ich meine – und dann kommt erst Video. Aber: Die PR befindet sich in einer Art “visual turn“. Natürlich geht es nicht nur darum, überhaupt mehr Bilder, Videos, Grafiken einzusetzen, sondern dies systematisch mit PR, Identität und Geschichten zu verbinden. Mit schnellen (mobilen) Internetverbindungen und Plattformen wie Pinterest, Instagram, aber auch Tumblr Facebook und Google+ haben wir so viele Möglichkeiten und Notwendigkeiten visueller Botschaften wie noch nie zuvor.
- Offene Daten: Wir sprechen seit einiger Zeit über Datenjournalismus, über Auskunftsansprüche von Bürgern gegenüber Behörden. In diesem Zusammenhang gehe ich davon aus, dass Unternehmen und NGO sich mit zunehmend vernehmbareren Anforderungen von Interessierten auseinandersetzen müssen. Ich frage mich, inwiefern wir künftig als Pendant zum Datenjournalismus von Data-PR sprechen werden. Dass sich hier Interessen von Unternehmen und Stakeholdern gewaltig widersprechen können, ist zu erwarten.
- Die Stakeholder-Perspektive: Sie einzunehmen ist zugespitzt formuliert ein traditionell blinder Fleck vieler PR-Aktivitäten wie auch der PR-Forschung. Mehrfach wurde es in Graz (auch von anderen) angesprochen: Unternehmen und Organisationen sind in Sozialen Netzwerke Gäste. Über die Bedingungen, unter denen sie längerfristig dort akzeptiert sind, wissen wir viel zu wenig.
- Integrierte Kommunikation ist ein Begriff, der schon in den neunziger Jahren geprägt worden war. Damals hatten erste Unternehmen damit begonnen, Kommunikationsaufgaben in eine Abteilung zu integrieren und die alte Trennung zwischen Marketing und PR weitgehend aufzuheben. Die Notwendigkeit eines zumindest integrierten Verständnisses hierzu besteht durch die Entwicklung des Internet als Plattform mehr denn je. Mit dem Unterschied, dass die PR in content-dominierten Zeiten gegenüber dem Marketing deutlich selbstbewusster auftritt. Ein anderer Aspekt von Integration in der Online-Kommunikation ist das Zusammenspiel einzelner Maßnahmen und Plattformen – einschließlich der Corporate Website.
Angesichts der vielen Fragestellungen, die ich oben angerissen habe, ist es vermutlich nicht möglich, alle Herausforderungen der nächsten Zeit zu adressieren. Insofern sind sowohl die vier oben herausgegriffenen Aspekte als auch die anderen Überlegungen im Vortrag meiner individuellen Brille zuzuordnen. Andere würden sicher noch weitere Punkte nennen und manches anders gewichten.
Ergänzend könnte schließlich die Frage gestellt werden, ob wir künftig den Begriff Online-PR noch benötigen. Denn mittlerweile ist den meisten klar, dass es keine wirkliche Trennung zwischen online und offline gibt und entsprechend (fast) jedes Kommunikationskonzept einem übergreifenden Anspruch gerecht werden muss. Insofern wäre es logisch, irgendwann wieder nur noch über die klassischen Disziplinen der PR – beispielsweise Investor Relations oder Mitarbeiterkommunikation – zu sprechen. Allerdings habe ich – gerade als Ausbilder – den Eindruck, dass das Label “Online-PR” bis auf Weiteres noch wichtig bleibt. Beispielsweise, um Arbeitgebern ein Signal zu den Qualifikationen von Absolventen zu geben.
Weitere Herausforderungen der Online-PR und damit eine To Do-Liste für die nächste Zeit finden sich in der Präsentation. Ich habe nach einem kurzem Austausch mit Klaus Eck nach dem Vortrag den Begriff des “Visual Turn der PR” noch ausdrücklich in die Präsentation aufgenommen.
Social Media und PR: Typische Fragen aus der Praxis
Wenn sich PR-Praktiker mit Social Media beschäftigen – und das dürften mittlerweile fast alle sein – so entstehen eine Menge Fragen. Viele werden sicher unter Kollegen diskutiert, andere mit Beratern, einige werden auch an die Wissenschaft gerichtet. Für das Euprera Spring Symposium habe ich einmal versucht, letztere zusammenzutragen und zu systematisieren.
Klar ist: Viele Fragen tauchen immer wieder auf. Da ist zum Beispiel die Frage nach der Relevanz von Social Media allgemein (die ist nun fast historisch) oder nach einzelnen Tools. Dann gibt es jene nach dem Bedrohungspotienzial, aber auch die Frage, wie das Ganze funktioniert oder wie man als Unternehmen zuhört und aktive Kommunikationsstrategien entwickelt. Aktuell stellen viele Praktiker natürlich die Frage nach der Wertschöpfung, einige überlegen auch, ob und wie sie Ressourcen innerhalb der Kommunikation zu Gunsten von Social Media verschieben könnten.
Für meinen Vortrag auf der Konferenz habe ich versucht, Fragen dieser Art herauszufiltern und zu sortieren. Quellen hierfür waren verschiedene Studien (z.B. Social Media Governance, European Communication Monitor, MehrWert schaffen), aber auch viele informellen Quellen wie Workshops, Beratungen oder Podiumsdiskussionen, an denen ich in den vergangenen Jahren beteiligt war. Aus einem großen Fragenkatalog habe ich dann dreizehn Fragen als mir besonders typisch erscheinende herausgefiltert.
Das Interessante: Seit fünf, sechs Jahren höre ich immer wieder ähnliche Fragen. Meine Erklärung: Die Fragen lassen sich in einen Innovationsprozess einordnen, in den Unternehmen und Nonprofits-Organisationen zu verschiedener Zeit und mit verschiedener Geschwindigkeit einsteigen. Das bedeutet: Jede Phase dieses Prozesses hat ihre typischen Fragen.
Ich habe versucht, diese Innovationsphasen (entgegen klassischer Verständnisweise) folgendermaßen einzuteilen:
- Emergenz
- Verständnis
- Zuhören
- Planung
- Integration
- Evaluation
Als Berater oder Forscher könnte man also (zumindest grob) anhand der Fragen feststellen, in welcher Phase sich ein Unternehmen befindet. Allerdings würde ich dies nur mit Vorsicht, da ein linearer Innovationsprozess vermutlich höchstens auf dem Papier besteht. Für eine grobe Orientierung sollte es aber funktionieren (sofern eingefleischte Innovationsforscher nicht laut aufschreien).

Typische Fragen zu Social Media und PR und Ansätze zur Klärung. Zur Vollansicht bitte anklicken (Grafik: Pleil)
Aus Sicht des Akademikers hat diese Matrix folgenden Charme: Ich kann zu jeder Frage bzw. zu jeder Innovationsphase überlegen, inwieweit man aus Hochschulsicht zur Beantwortung beitragen kann. Klar wird, dass ich im Sinne der Aktionsforschung einen engen Zusammenhang zwischen Forschung, Lehre und Beratung sehe. Konkretes Beispiel: Die von meinen Studenten im Unterricht erarbeiteten Fallbeispiele von Early Adopters helfen anderen Unternehmen, wenn es um grundsätzliches Verständnis geht. Vermitteln lässt sich dies nicht nur in einer Publikation, sondern kann ebenso wie eine Social Media Literacy dann u.a. in Workshops oder Weiterbildungen wie Zukunft Online-PR diskutiert werden. Das Fünf-Ebenen-Modell zur Planung der Online-PR ist dann logischerweise ein akademischer Beitrag zu Konzeption. Sicher sind noch ganz andere Beiträge der Wissenschaft denkbar, in die Matrix eingetragen sind hier erst mal nur Darmstädter Beispiele.
Grundsätzlich ist natürlich klar, dass die Wissenschaft der Praxis in vielen Fragen hinterherhinkt und auch zu Social Media in der PR aus Forschungssicht noch mehr ungeklärt als geklärt ist. Immerhin meine ich aber, dass man – ein entsprechendes Rollenverständnis der Forscher vorausgesetzt – zumindest punktuelle Beiträge der Forschung für die Praxis zeigen kann. Und schließlich könnte die zur Diskussion gestellte Matrix helfen, weitere Schritte in Richtung F&E zu entwickeln. Meine Vision: Ein Social Media Lab, in dem Anwender und Entwickler zu unterschiedlichen Fragen – bei weitem nicht nur der PR – zusammenarbeiten.
Hier noch mein Vortrag (leicht gekürzt), in dem ich auch auf Erfahrungen mit dem Wissenstransfer eingehe. Wenn ich’s schaffe, schreibe ich hierzu demnächst einen eigenen Artikel hier im Blog.
Vortrag: Das Ende des Publikums?
Es ist schon klar: Das Ende des Publikums zu proklamieren, trifft die Situation nicht wirklich. Aber das Publikum (oder die Öffentlichkeit), wie wir es bis vor ein paar Jahren kannten, gibt es auch nicht mehr. Ich habe deshalb die etwas reißerische Frage einem Vortrag voran gestellt, in dem ich ein paar Optionen durch Social Media sowie den derzeit zu beobachtenden Wandel der Öffentlichkeit aufzeigen wollte. Eingeladen hatte mich hierzu Ulrich Bartosch, Professor für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) und Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (deren Mitglied ich übrigens gerade geworden bin).
Eingebettet war mein Gastvortrag in ein Seminar zu Kommunikation an der Fakultät für Soziale Arbeit der KU. Insofern hatte ich die Chance, einen großen Bogen zu spannen und über die Themen zu berichten, mit denen ich mich seit längerem beschäftige. Gleichzeitig hatte ich bei der Vorbereitung des Vortrags Themen wie Google Street View, Stuttgart 21, die Pseudo-Integrationsdebatte oder die Rolle von Social Media bei den Protesten in Frankreich im Hinterkopf. Aus diesen habe ich versucht, fünf mir wichtige Diskussionsfelder zu Social Media und Öffentlichkeit zu umreißen.
Diskussion 1: Sozialkapital
Ausgangspunkt: Entsprechend der sozialen Netzwerktheorie (Lesetipp) wird davon ausgegangen, dass soziale Beziehungen wie sie sich auch in Social Media manifestieren (z.B. Facebook-Freunde, Blog-Abonnenten, Twitter-Follower) als Sozialkapital verstanden werden können.
Frage: Jan Schmidt stellte vor wenigen Tagen die wichtige Frage, wer in diesem Zusammenhang wie kapitalisieren darf. Eine weitere Anregung für diese Diskussion gab vor ein paar Tagen auch Mario Sixtus mit seinen Szenarien zur Werbung übermorgen.
Diskussion 2: Medien
Ausgangspunkt: Diese Diskussion ist sicher die geläufigste: Es geht um die künftige Rolle der Medien und die Bedeutung des Journalismus, vor allem im Sinne der vierten Gewalt.
Frage: Was (uns) Journalismus wert ist, wird ja landauf, landab seit langem diskutiert, allerdings habe ich – gerade auch nach einem Besuch der Medientage in München – den Eindruck, dass sich diese Diskussion doch sehr in berechenbaren Kreisen dreht, sich bloß fragt, wo der Kern ist. (Nebenbei fragt sich, ob diese Frage mit dem Wohl der Verleger zwangsläufig verknüpft ist).
Diskussion 3: Unternehmen
Ausgangspunkt: In der Social Media-Welt wirkt Kommunikation zurück auf Unternehmen, sprich: Unternehmen werden stärker beobachtet, Kunden und andere Stakeholder formulieren öffentlichkeitswirksam Ansprüche etc.
Frage: Ich finde besonders spannend, zu diskutieren, wie es Unternehmen schaffen, diese Rückflüsse so zu nutzen, dass sie besser werden. Damit meine ich innovativere und bessere Produkte genauso wie ein besser akzeptiertes Verhalten – also eine Sicherung der Licence to operate, die ja ein Abbild öffentlicher Akzeptanz ist.
Diskussion 4: Politik
Ausgangspunkt: Hier habe ich die Argumentation des Philosophen Slavoj Žižek aus einem Artikel im “Freitag” neulich herangezogen. Er argumentiert, dass Politik zunehmend auf der Manipulation einer paranoiden Masse bestehe und eine ihrer wichtigen Strategien das Schüren von Ängsten sei (z.B. vor Überfremdung, vor Terrorismus oder vor Naturzerstörung).
Frage: Nimmt man diese These an, fragt sich, ob und in welchem Maße diese politische Strategie durch die besseren Möglichkeiten der Artikulation und Vernetzung durch Social Media durchkreuzt bzw. sichtbar gemacht werden kann (von einzelnen Bürgern und von Bürgerbewegungen bzw. NGOs).
Diskussion 5: Bildung
Ausgangspunkt: Mit Blick auf die Nutzungsstudien zu Social Media kann nach wie vor davon ausgegangen werden, dass nur Wenige ihr Potenzial umfänglich und aktiv nutzen.
Frage: Zu diskutieren ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht, ob und wie sich das Können (also die Medienkompetenz) entwickeln lassen – und ob überhaupt ein Wollen – also ein Interesse an öffentlicher Teilhabe – vorhanden ist bzw. ob dieses stärker entwickelt werden kann.
Mir ist klar, dass es noch einige weitere zu diskutierende Themen gibt (wir können gern in den Kommentaren sammeln). Ich habe auch überlegt, ob es sinnvoll ist, dass ich als Nicht-Fachmann für einige der genannten Fragen mich hierzu aus dem Fenster lehnen sollte. Andererseits komme ich in meiner Arbeit immer wieder an Stellen, an denen Wechselwirkungen mit anderen Bereichen deutlich werden. Ein paar davon zumindest zu benennen, erschien mir deshalb im erwähnten Vortrag sinnvoll – auch wenn ich nicht der Richtige bin, alle diese Diskussionen konsequent zu führen ;)
Die Folien zum Vortrag finden sich auch auf Slideshare.
















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