WebQuest zu Online-Campaigning

Heute stelle ich hier einmal ein kleines Lernpaket bereit und zwar in Form eines WebQuests. Dabei geht es in diesem Fall darum, sich anhand eines aktuellen Beispiels mit Mechanismen von Online-Campaigning zu beschäftigten. Da bietet sich natürlich die hier bereits mehrfach thematisierte Kampagne #Kony2012 als Lernbeispiel an – auch in Hinblick auf Risiken bzw. Probleme. Da das Ganze noch frisch im Gedächtnis ist, wollte ich die Übung gleich einmal zusammenstellen – auch wenn ich sie vermutlich erst im nächsten Semester anwenden kann. Insofern kann ich nicht versprechen, dass das Ganze auch in jeder Hinsicht gut funktioniert. Sinnvoll ist aus meiner Sicht, dass die Lernenden die Grundlagen von Campaigning kennen.

Nochmal zum Format des WebQuest: Vor ziemlich genau fünf Jahren habe ich hier im Blog einen Artikel zur Methode des WebQuest geschrieben. Das Wichtigste:

“Abstrakt gesprochen handelt es sich dabei um ein konstruktivistisches, internetgestütztes Unterrichtsformat.  Konkreter: Die Lernenden bekommen eine Aufgabe und – das ist das Entscheidende – bereits ausgewählte (Internet-)quellen, die zum Lösen der Aufgabe sinnvoll sind. Die Lernenden beschäftigen sich dann mit dem Material, strukturieren und gewichten es im Sinne der Aufgabenstellung und präsentieren dann die Ergebnisse. Eigentlich ein Vorgehen, das ich in Seminaren gelegentlich schon anwende, nur, dass ich bisher nicht wusste, dass das Webquests sind.”

Genug der Vorrede. Hier nun die Aufgabenstellung, wie ich sie mir ausgedacht habe. Das Ganze entspricht sicher nicht dem üblichen Format von WebQuests, lässt sich aber vermutlich ganz gut in andere Umgebungen (z.B. eLearning-Plattformen) übernehmen. Ergänzungen und Kritik sind wie immer gern gesehen.

 

Ausgangspunkt

#kony2012 war die Online-Kampagne mit der bisher vermutlich schnellsten und weitreichendsten Verbreitung. Ausgangspunkt war ein 30minütiges Video. Ziel dieser Übung ist das Kennenlernen eines Fallbeispiels für eine Kampagne und dessen Analyse unter Zuhilfenahme verschiedener Quellen. Die Übung zielt darauf ab, die Kampagne unter verschiedenen Blickwinkeln zu analysieren.

Ablauf der Übung:
Die unten erwähnten Quellen ermöglichen das Kennenlernen der Kampagne und zweier Ebenen der Diskussion (fachlich/inhaltlich und kommunikatiosstrategisch). Das Durcharbeiten dieser Quellen ist Voraussetzung für das Beantworten der dann folgenden Fragen. Das Einbeziehen weiterer Quellen ist natürlich möglich.

Workload:
Für eine systematische Bearbeitung der Übung sollten Sie etwa vier Stunden einplanen. Die Aufgaben sollten in kleinen Gruppen erarbeitet werden.

Grundlage:
Das Video und die ersten Schritte der Verbreitung (Storify)

Fachliche Diskussion 1: Inhalt der Kampagne

Fachliche Diskussion 2: Machart und Verbreitung der Kampagne

Aufgaben:

  1. Fassen Sie die wichtigsten Erfolgskriterien der Kampagne zusammen. Gehen Sie speziell auf Content- und Verbreitungsstrategie ein.
  2. Diskutieren Sie Ihre Verantwortung beim Konzipieren von Kampagnen und ordnen Sie die Kony-Kampagne ein.

Themendiffusion im Social Web: #kony2012 und #iranelection

Wie reisen die Themen durch's Netz?

Wie reisen Themen durch das Netz? Die Frage nach Verbreitungswegen und -mechanismen im Social Web zählt sicher zu den spannendsten Gebieten der Onlinekommunikation. Schließlich käme es dem Besitz des heiligen Gral gleich, könnte man vorhersagen, welche Arten von Informationen sich auf welchen Wegen und in welchem Ausmaß verbreiten. Dabei gilt aber auch: Politiker, Marketiers, PRler wie Journalisten könnten damit mehr Möglichkeiten gewinnen als es manchem lieb wäre. Mit Vorhersagen ist das glücklicherweise immer so eine Sache. Immerhin aber gibt es immer wieder Untersuchungen, bei denen bezogen auf ein konkretes Beispiel die Wege und Mechanismen der Verbreitung nachgezeichnet werden. Ganz aktuell für die Kampagne gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Joseph Kony. Ebenfalls kürzlich erschienen: Eine Untersuchung zur Rolle eines Twitter nutzenden Journalisten während der Wahlen und damit verbundenen Unruhen im Iran 2009. Und auch aus solchen ex-post-Analysen lässt sich manches lernen.

Theoretische Konzepte gibt es zur Nachrichtendiffusion schon lange. Bezogen auf das Social Web spielt natürlich die soziale Netzwerktheorie eine wichtige Rolle. Hier geht es unter anderem um die Frage, wer mit wem vernetzt ist, welche Stellung ein Mitglied eines Netzwerkes hat, und inwiefern sich hieraus ablesen lässt, wer für die Informationsverbreitung, aber auch für Interpretationen (Framings) eine besondere Rolle spielt. Oder um Leute zu identifizieren, die eine Brückenfunktion zwischen bestimmten Netzen haben. Längst vor dem Social Web gab es in der Kommunikationswissenschaft Konzepte – und darauf basierend Untersuchungen – zu Kriterien der Nachrichtenauswahl, allerdings typischerweise bezogen auf Journalisten, also professionelle Kommunikatoren. Hieraus sind ja vor einigen Jahrzehnten die so genannten Nachrichtenwerte formuliert worden. Schon in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren erste Meinungsführerkonzepte entwickelt worden, die – damit schließt sich der Kreis – wiederum in aktuelle Netzwerkansätze einfließen.

Da sich so gut wie kein Thema im Netz so schnell und weitreichend verbreitet hat wie das Kampagnenvideo der US-Organisation Invisible Children gegen Joseph Kony, ist natürlich extrem spannend, mehr darüber zu wissen, warum das Ganze sich in wenigen Tagen viele Millionen Male verbreitet hat. Dazu hat das Unternehmen Social Flow in seinem Blog eine Netzwerkanalyse veröffentlicht (via @mmeckel). Diese zeigt zwei Erfolgsfaktoren zur Verbreitung der Kampagne.

Erfolgsfaktor 1: Ein bestehendes Netzwerk

Voraussetzung für die Verbreitung war ein gut gepflegtes Beziehungsnetzwerk von invisible children. Dabei verbreitete sich die Kampagne schrittweise: Vom offiziellen Account der Organisation wurde das Thema durch deren Mitarbeiter weitergetragen und erreichte dann Netzwerkcluster in mehreren Regionen der USA. Auffällig daran: Hinter diesen Netzwerkclustern steckten nicht Menschen in Metropolen, sondern vor allem Leute in kleineren Städten. Zweite Auffälligkeit: Sehr viele hatten ein erkennbar christliches Profil.

Hieraus schließe ich mehreres: Zum einen zeigt dieses Beispiel, dass der Aufbau von Sozialkapital, wie wir ihn als entscheidende Strategie im Social Web schon lange diskutieren, auch tatsächlich einen konkreten Nutzen gebracht hat. Der Aufbau eines Netzwerkes hängt ja mit Geben und Nehmen zusammen, mit dem Herstellen von Vertrauen und Nähe. Diese Investition lohnt sich also offensichtlich. Und zum anderen scheint es so, dass bestimmte Themen für Personen mit ähnlichen grundsätzlichen Einstellungen besonders relevant sind bzw. diese dazu bringen, aktiv zu werden. Auch dies eher eine Bestätigung denn eine völlige Neuheit.

Erfolgsfaktor 2: Prominente als Testimonials 

Promis als Testimonials in Kampagnen sind überhaupt nichts Neues. Aber ihr Einsatz bringt typischerweise einen prima Effekt, sofern sie glaubwürdig sind. Sie erhöhen also die Aufmerksamkeit und schaffen Vertrauen in die Kampagne. Neu und erfolgreich ist, wie 20 US-Promis für die Kampagne gegen Kony instrumentalisiert wurden. Hat man früher zumindest angefragt, ob ein Promi sein Gesicht zeigen mag in einer Kampagne, wurden hier kurzerhand Promis auf der Kampagnen-Website gezeigt. Und zwar solche, die nicht nur super-bekannt sind, sondern bekanntermaßen das Social Web aktiv nutzen. Der Clou war aber die Aufforderung, diesen Promis v.a. per Twitter von der Kampagne zu erzählen. Der Effekt: Manche Promis wurden zigtausend mal angesprochen. Viele reagierten und berichteten, dass sie das Video angeschaut hatten – und verbreiteten es so erst recht millionenfach. Ein genialer Mechanismus – und ein ethischer Grenzfall, wie Gilad Lotan im Blogpost zu Recht anmerkt.

Klar zeigt sich durch diesen Mechanismus, dass Promis eine wichtige weitere Rolle zur Verbreitung des Memes einnehmen: Sie haben enorme Reichweiten im Social Web und genießen bei ihren Fans einen speziellen Status. Dass invisible children auf die – ich nenne es mal: Verpflichtung zum Dialog aus Höflichkeit gesetzt hat, ist fast ein wenig perfide. Schließlich blieb den Promis kaum die Wahl, das Thema zu ignorieren.

Eine andere Perspektive: Die Rolle von Knoten im Netz

Eine dritte Perspektive bringt eine Untersuchung eines Forschungsteams aus St. Gallen in den Zusammenhang der Themendiffusion. Hier ging es um die Rolle eines Journalisten (Robert Mackey) auf Twitter. Mackey arbeitet für die New York Times und war während der Wahlen in Iran 2009 und im Zusammenhang mit den damaligen Protesten intensiv in Twitter unterwegs. Wir erinnern uns: Über diese so genannte grüne Revolution war es (Journalisten) kaum möglich, aus Iran zu berichten. Gleichzeitig überschwemmten millionenfach die Tweets, Facebook-Nachrichten und andere digitale Häppchen unsere Monitore. Live-Berichte Betroffener und Gegenpropaganda vermischten sich aufs Engste. Robert Mackey hat diese Informationen genutzt, sie sortiert, bewertet und aggregiert. Dies ist schon ein kleines Ergebnis der Netzwerkanalyse seiner Twitter-Kommunikation. Interessant dabei ist unter anderem, dass er für viele Journalisten-Kollegen zum Vermittler wurde, dem sie offensichtlich vertrauten. Das bedeutet, dass es einige Journalisten gab, die sich an das kaum zu entwirrende Informationsknäuel nicht wagten, sondern darauf vertrauten, dass ihr Kollege Mackey hierzu eine verlässliche Quelle (oder besser Instanz) ist.

Methodisch arbeitete das Team aus St. Gallen übrigens mit einer Kombination aus Netzwerkanalyse (das untersuchte Netz umfasste 360 Knoten und 450.000 Kanten) und Inhaltsanalyse. Die Studie beleuchtet insgesamt viel mehr Aspekte als ich hier darstelle. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle vor allem die von den Autoren herausgearbeitete Mehrdimensionalität des Social Media-Engagements: Dient es auf der einen Seite der Recherche, so unterstützt es auf der anderen Seite die Selbstdarstellung. Der Journalist wird – vor allem durch seine Rolle als Kurator – als Marke wahrgenommen neben der Marke New York Times.

Einordnung und offene Fragen

Beide Untersuchungen bestätigen empirisch die Grundargumentation, die es rund um die Kommunikation im Social Web schon länger gibt, beispielsweise bezogen auf den Aufbau sozialer Netze oder digitales Kuratieren. Dies ist sehr hilfreich. Gleichzeitig gibt es zur Nachrichtendiffusion natürlich noch viele offene Fragen: Was bei der netzwerkanalytischen Forschung oft zu kurz kommt, ist die Frage nach der Qualität der transportierten Inhalte. Interessant wäre gerade im Fall Kony: Was genau ist es denn, das sich da so schnell verbreitet? Oder in einem anderen Fall eben nicht verbreitet wird. Welche Rolle spielen Emotionalität, Frames (z.B. David -Goliath oder Gut-Böse-Schemata), verschiedene Arten des Storytellings oder die althergebrachten Nachrichtenwerte? Nach meinem Eindruck sollten solche Fragen und die Fragen nach den Verbreitungswegen (bzw. den Netzstrukturen) gemeinsam betrachtet werden – ich vermute, hier gibt es Wechselwirkungen, die höchst kompliziert sind und an denen man sich noch Jahre abarbeiten kann. Was ich damit meine: In jedem Netzwerk sind andere Personen mit anderen Werten und Interessen. In welchem Zusammenhang diese dann wiederum mit grundsätzlich vorhandenen starken oder schwachen Netzwerkverbindungen und mit der Bereitschaft zur Verbreitung eines Themas und des Timings stehen, ist noch kaum geklärt.

Zitierte Literatur:

  • Gilad Lotan (2012): [Data Viz] KONY2012: See How Invisible Networks Helped a Campaign Capture the World’s Attention. In: Social Flow v. 14.3.12.
  • Thomas Plotkowiak / Katarina Stanoevska-Slabeva / Jana Ebermann / Miriam Meckel / Matthes Fleck (2012): Netzwerk-Journalismus. Zur veränderten Vermittlerrolle von Journalisten am Beispiel einer Case Study zu Twitter und den Unruhen in Iran. In: Medien- und Kommunikationswissenschaft, Heft 1, S. 102-124.

Lesetipps zum Wochenende (kw10)

Sonntag, Zeit für die Lesetipps. Und da ich diese Woche zwei Tage an unserer Partnerhochschule in Luzern sein durfte (was wieder viel Spaß gemacht hat), hat mein Fotoblog neues Futter bekommen; ein paar Bilder daraus binde ich in nächster Zeit hier in Artikel ein. Nun aber zu den eigentlichen Themen.

Der heutige Tag wird von vielen als 3/11 bezeichnet – die Katastrophe von Fukushima vor einem Jahr somit in eine Reihe gestellt mit 9/11. Etiketten als Frames. Viele Facetten des Themas wurden in den letzten Tagen auf vermutlich allen Kanälen diskutiert. Aus PR-Sicht eine kleine Randnotiz: Die Vertreter “der deutschen Atomkonzerne” wollten mit der taz nicht über die Energiewende diskutieren, Lobbyistin Astrid Petersen, die Vorsitzende der Kerntechnischen Gesellschaft schon. Klar, dass in solchen Situationen die Verbände an die kommunikative Front geschickt werden. Das ist eine ganz normale Strategie.

Besonderes Aufsehen erregte diese Woche die Kampagne der Organisation Invisible Children, die via Internet bewirken soll, dass der ugandische einer Rebellengruppe, Joseph Kony, gefangen wird. Er hat systematisch Kinder entführt, missbraucht, zu brutalen Kindersoldaten gemacht. Das Kampagnenvideo der Organisation wurde in wenigen Tagen auf YouTube 70 Millionen mal abgerufen, es wurde also eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit hergestellt.

Dennoch gab es Kritik: Zum einen verfügt die NGO Invisible Children nicht über den besten Leumund, zum anderen gibt es deutliche Kritik aus Uganda selbst, wie die taz berichtet:

“Die Kampagne sei „ein Teil der Karikatur, die Norduganda mittlerweile geworden ist, schlichtweg Gewaltpornografie“, twittert der Publizist und LRA-Kenner Angelo Izama. „Das Muster Gut gegen Böse, wobei Gut offensichtlich weiß/westlich und Böse schwarz/afrikanisch ist, erinnert an die schlimmsten Zeiten der Kolonialära“, schreibt er. Verärgert ist auch Ugandas berühmteste Bloggerin Rosebell Kagumire: „Das Video klammert alle Friedensbemühungen aus und simplifiziert den Krieg gegen Joseph Kony (…)”

Das Beispiel zeigt also deutlich, wie schwierig Nonprofit-Kampagnen sind, vor allem, wenn sie von außen kommen. In der Berichterstattung interessant fand ich, dass das Wall Street Journal den Weg der Kampagne durch das Internet via Storify nachzeichnete.

Womit wir beim Journalismus wären. Genauer: Beim Prozessjournalismus. Der Guardian stellt die jeweilige Themenplan ins Netz und bekommt im Gegenzug von Lesern Tipps und Aufmerksamkeit. Nett hierbei ist, dass das Thema zum Beispiel in der Berliner Zeitung ausführlich vorgestellt ist – ob das als Botschaft der Redaktion zu verstehen ist? A propos deutsche Printmedien bzw. deren Online-Ableger: Tobias Gillen hat sich deren Twitter-Accounts angeschaut und kommt zu dem Schluss, dass Twitter meist doch nur als simple Linkschleuder verwendet wird. Von der Gegenwart in die Zukunft: Die Zeit, selbst im intensiv im Social Web unterwegs, bringt hierzu eine Artikelserie. Der erste Beitrag zu Datenjournalismus. Etwas Staub aufgewirbelt hat derweil mein Kollege Klaus Meier, der sich die Auflagenentwicklung von Tageszeitungen in den letzten 20 Jahren angeschaut und diese fortgeschrieben hat. Ginge die Entwicklung weiter wie bisher, erschiene 2034 die letzte gedruckte Zeitung. Dass das Ganze natürlich von vielen Rahmenbedingungen abhängt und diese Berechnung etwas spielerischen Charakter hat, ist klar. Vielleicht (und so hoffe ich) wird es immer Printzeitungen geben, aber es könnte mit dem Ende auch schneller gehen, wie Marcel Weiß argumentiert.

Und damit ab ins Netz. Hurra, delicious lebt. Ein bisschen zumindest, denn seit kurzem kann man den Bookmarkingdienst mit Twitter verbinden, so dass solche Tweets, die einen Link enthalten, ins Bookmark-Archiv wandern. Schön. Kann allerdings diigo schon lange. Bemerkenswerter und weitreichender sind die neuen Interessenslisten bei Facebook, die Thomas Hutter erklärt. Mit ihnen bekommt Facebook so etwas ähnliches wie eine Feed-Reader-Funktionalität. Heinz Wittenbrink hat schon mal eine solche Liste zum Thema Journalismus angelegt, die für andere wiederum abonnierbar ist (ähnlich wie Twitterlisten). Auf dass alle für immer und alles in Facebook bleiben. Oder doch nicht? Naja, man könnte ja mal schauen, welche Themen gerade auf Twitter intensiv diskutiert werden. Ein nettes Tool hierzu ist Trendsmap, das Matias Roskos vorstellt: Hier werden Twittertrends auf einer Weltkarte visualisiert.

Greenpeace vs. Nestlé: Fortsetzung für’s PR-Lehrbuch

Als PR-Dozent sucht man ja immer nach praktischen Beispielen für die Lehre: Deshalb wird es hohe Zeit, dass ich mich einmal bei Greenpeace bedanke – denn die Palmöl-Kampagne gegen Nestlé ist ein wunderbarer Case, an dem sehr vieles gezeigt werden kann und der Stoff für mehrere Lehrveranstaltungen gibt, denn heute fand das Ganze eine interessante Fortsetzung.

Grundsätzlich zeigt das Beispiel auf der einen Seite, wie Campaigning einer NGO im Social Web funktioniert, auf der anderen Seite welche Probleme die Krisenkommunikation eines Unternehmens damit hat (und wie diese im besten Fall gelaufen wäre). Viel wurde hierzu in den vergangenen Wochen geschrieben und gesagt, zusammenfassend sei noch auf den brouhaha-Podcast von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach und Alex Wunschel verwiesen. Vor allem luebues Feststellung, dass das eigentlich so sperrige Thema der Palmöl-Herstellung in einigen Gegenden und ihrer Auswirkungen für die Umwelt erst durch die unglückliche Krisenkommunikation von der Fachöffentlichkeit in die breite Medienöffentlichkeit gelangt ist (wobei hier dann die Social Web-Auseinandersetzung großen Raum einnimmt), halte ich für einen wichtigen Gedanken.

Ebenso bedeutsam ist, dass sehr schnell ein Reputationsverlust von Nestlé festzustellen ist. Allerdings ist hierzu zu sagen, dass solche Konflikte zwar immer im Netz auffindbar bleiben und Nestlé gerade hier einiges tun muss, auf einer anderen Karte steht aber der langfristige Reputationsverlust z.B. bei Konsumenten. Dieser ist aus meiner Sicht noch nicht abzuschätzen und dürfte stark von den nächsten Schritten beider Seiten abhängen.

Heute liefert Greenpeace nun ein neues Kapitel im Anschauungsunterricht: Vor der Frankfurter Unternehmenszentrale von Nestlé wurde eine große Twitterwall aufgebaut und am Gebäude ein riesiges Plaket entrollt. Mit der ersten Maßnahme kommt das Netz und damit die Botschaft von Verbrauchern direkt zum Unternehmen, die zweite sorgt zusätzlich für emotionale Bilder – mal sehen, wie oft das Plaket morgen in den Zeitungen erscheint. Doch wichtige Zielgrupen dieser Aktionen sind Aktionäre (Jahresversammlung), Mitarbeiter und Unternehmensleitung. Ein Ziel dabei: eine unternehmensinterne Diskussion der Thematik. So schreibt Michelle Bayona im Greenpeace-Blog:

“Die Mitarbeiter haben die Diskussion um ihren Arbeitgeber bereits mitbekommen. „Eins muss man ihnen lassen, gelungene Aktion!“, sagt einer. Fast jeder passiert den Firmeneingang mit einem roten Greenpeace-Infoflyer. Die Forderungen von Greenpeace und die Rolle Nestlés bei der Urwaldzerstörung in Indonesien werden sicherlich gleich heißes Thema im Büro sein.”

Außerdem haben Greenpeace-Aktivisten eine Unterschriftenliste überreicht. Der Vorstandsvorsitzende von Nestlé Deutschland war zu einem Gespräch bereit, das Ganze wurde vom Unternehmen auch sehr schnell per Presseinformation bekannt gegeben. Darin betont das Unternehmen, dass es sich ebenso um den Regenwald in Indonesien sorgt und verkündet:

“Nestlé führt zudem Gespräche mit allen Lieferanten, um Zulieferungen zuverlässig auszuschließen, die aus nicht nachhaltigem Anbau stammen.”

Greenpeace kommentiert wiederum mit “wenig Neues“. Beide Sichten gehören wohl zum Ritual, in dem nun immerhin eine Dialogebene hergestellt ist.

Der Fall hat sich also lehrbuchhaft weiter entwickelt. Und er zeigt: Verhaltensänderungen sind eine Frage der Macht, der Meinungsmacht. Der erste Schritt zur Verhaltensänderung, der Dialog, setzt – wie es Studenten heute Vormittag in einer Vorlesung gut herausgearbeitet haben – ein genaues Zuhören und ein Verstehen der Argumente der anderen Seite voraus, aber genauso die Bereitschaft zum Kompromiss, also der Veränderung des eigenen Verhaltens. Denn nur so kann Glaubwürdigkeit für den nächsten Dialog gesichert werden. Ein schönes Beispiel also, um eine Theorievorlesung aufzulockern und die Modelle von Grunig und Hunt durchzudeklinieren – so langsam scheinen wir uns im Modell der symmetrischen Kommunikation zu bewegen…

Noch ein kleiner Nachsatz:

Eigentlich hätte ich gern ein paar Bilder von der Twitterwall und dem großen Plakat an der Nestlé-Zentrale hier eingebunden. Die stehen auch, wie es sich gehört, auf flickr – allerdings unter strengem Copyright (“all rights reserved”), auf twitterisch eher ein #fail

Die Grüne Tomate: Der Greenwashing-Preis aus dem Web 2.0

Zum ersten Mal wird heute die “Grüne Tomate” verliehen. Dabei handelt es sich um einen Preis für “besonders dreistes Greenwashing”, der künftig monatlich vergeben werden soll. Das Besondere daran: Hinter dem Preis stehen keine Organisation oder ein Medium, sondern Bürger, die sich auf der Web 2.0-Plattform Utopia getroffen und die Idee entwickelt haben. Insofern ist die “Grüne Tomate” ein kleines Beispiel dafür, dass das Social Web nicht nur Barrieren des Publizierens abbaut, sondern neue Möglichkeiten des Handelns Einzelner bietet.

Klarer Gewinner des in einer Online-Abstimmung ermittelten Anti-Preises ist übrigens CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla für den Satz “”Kernkraft ist für die CDU Ökoenergie”. Auf den Plätzen zwei und drei landeten Vattenfall für die Kampagne zum Kohlekraftwerk Moorburg sowie der Verband der deutschen Automobilhersteller (VDA) für deren Kampagne “Unsere Autos”.

Schon länger habe ich den Eindruck, dass sich ad hoc-Gruppierungen im Social Web oft leichter tun als etablierte Organisationen. Vermutlich liegt das daran, dass dort die Mitarbeiter erst mühsam lernen, wie sich die öffentliche Kommunikation wandelt und welche Chancen und Risiken dies bietet. Und während sie feststellen, dass so vieles im Social Web gar nicht in die bisher geübtten Prozesse passt, nutzen die Netizens diese Möglichkeiten einfach. Wobei der Grünen Tomaten-Truppe IMO auch ein Lapsus passiert ist: Das nette Logo zur Aktion steht zwar auf Flickr, doch mit strengem Copyright (“All rights reserved”). Das ist natürlich Unfug, denn wenn ich eine Kampagne starte, möchte ich ja, dass sich ihr Logo einfach verbreiten lässt. Und ehrlich gesagt hätte ich in diesen Beitrag schon ein Bildchen eingebaut…

Update, 30.9., 21.30: Fein, ich darf das Logo hier verwenden; es soll generell unter CC-Lizenz stehen.

[Ergänzung, 30.9.,14.30: Passend zum Thema finde ich bei netzpolitik eben einen Hinweis auf das Projekt „Protest- und Medienkulturen im Umbruch. Transnationale Corporate Campaigns im Zeichen digitaler Kommunikation“, ein Sonderforschungsbereich der Uni Siegen. Die Website ist übrigens eine Fundgrube - und am 7./8. November gibt's die Tagung “Social Web - Towards Networked Protest Politics?” (PDF)]

Kampagne: Peta vs. Kentucky Fried Chicken – Fernsehsender blockierte

Schon seit längerem prangert die NGO Peta (“lieber nackt als Pelz”) die Fast Food-Kette Kentucky Fried Chicken an. Bereits 2004 haben die Tierschützer üble Quälereien bei KFC-Zulieferen aufgedeckt und KFC in “Kentucky fried cruelty” umgetauft. Seit Februar diesen Jahres gibt es zum Thema eine Web zweinullige Kampagenenseite, die hier zu Lande offenbar noch kaum wahrgenommen wurde. In deren Mittelpunkt steht ein Video, das Assoziationen zu Guantonamo weckt. Unter anderem gibt es auch einen sehr eigenen Logo-Creator und andere Gimmicks. Außerdem eine von Pink, Paul McCartney, Pamela Anderson und anderen Promis unterstützte Petition, mit der KFC aufgefordert wird, sicherzustellen, dass die in den USA für sie geschlachteten Hühner nicht gequält werden. Hintergrund ist offenbar, dass Tierschutzgesetze in den USA Vögel nicht einschließen.

Allerdings hatte Peta die Sache zunächst ganz anders geplant: Die NGO wollte dem Fernsehsender Fox 4,2 Millonen Dollar bezahlen, damit die drei insgesamt produzierten Clips in den Werbepausen des Superbowls ausgestrahlt werden. Das hätte eine Reichweite von 100 Millionen Zuschauern bedeutet. Fox hatte die Ausstrahlung jedoch abgelehnt. Deshalb hier nun das zentrale Video der Kampagne.

(via Bendan Hodgson)