So, wie versprochen fasse ich mal ein paar Eindrücke von Google Sites zusammen. Damit hat Google vor kurzem sein umfangreiches Angebot an Online-Services um eine Wiki-Funktionalität ergänzt. Genau genommen ist Google Sites Bestandteil von Google Apps, einem Paket, das einige der bekannten Google-Anwendungen (z.B. Docs, Mail, Kalender, Talk) zusammenfasst. Wie neulich erwähnt, habe ich mich (ich gebe zu: mit ein bisschen Bauchschmerzen) entschieden, die Sites im nächste Woche beginnenden Sommersemester für unseren PR-Schwerpunkt einzusetzen - anstatt der an unserer Hochschule sonst verwendeten eLearning-Plattform Blackboard.
Doch zunächst will ich kurz meine Anforderungen, die ich in diesem Fall an ein Wiki habe, erklären: Was ich wollte, ist ein schnell einsetzbares, gehostetes Wiki, das ohne ungewohnte Syntax gefüllt und einfach strukturiert werden kann. Im letzten Semester hat unser bisher verwendetes pmWiki einige Studenten und mich doch gelegentlich genervt (Probleme mit dem Editor, keine Diskussionsmöglichkeit in der Standardinstallation etc.). Weitere wichtige Anforderungen: Da wir mit dem PR-Wiki bereits über ein öffentliches Wiki verfügen, soll das aufzubauende Wiki nur für die jeweiligen Studenten und Dozenten zugänglich sein. Diese Abgeschlossenheit hat zwei Gründe:
- Erstens soll darin das Management von Semesterprojekten abgewickelt werden, d.h. darin werden auch halbwegs vertrauliche (bei weitem aber keine streng geheimen) Informationen gespeichert (z.B. ToDo-Listen).
- Zweitens habe ich festgestellt, dass ein nicht-öffentlicher Raum Studierende zu wesentlich intensiverer Zusammenarbeit im Wiki motiviert als ein öffentliches Wiki.
Doch nun endlich zu Google Sites. Bevor man sich dafür entschließt, ein wichtiger Hinweis: Man sollte sich wirklich klar werden, ob man die Nutzungsbedingungen von Google annehmen kann/möchte. Hierzu empfehle ich die Lektüre von Mediendidaktik zum Thema und die Diskussion bei Michael Kerres (Kommentare beachten). Ich bin jedenfalls zu dem Entschluss gekommen, es wagen zu können.
Gut, also zur Registrierung. Ich gebe ja zu, dass ich da erst ein wenig herumgepfuscht habe, da mir der Zusammenhang mit den Google Apps nicht gleich klar war. Und das ist für mich ein zentraler Kritikpunkt: Google will mit den Sites wohl nicht irgendwelche Privatleute ansprechen, die die Idee haben, mal ein Wiki einzurichten, sondern eine bereits bestehende Gruppe - z.B. ein Unternehmen, einen Verein, eine Schule oder Universität gewinnen. Und die sollen möglichst gleich den ganzen Google-Segen erhalten. Zur Anmeldung benötigt man eine Mailadresse einer Institution bzw. eine eigene Domain. Wer sich damit anmeldet, richtet das Ding für seine Institution ein - ich habe keine Ahnung, ob man damit für seinen gesamten Laden weitere Anmeldungen blockiert, vermute das aber. Wenn dem so ist, sind Probleme vorprogrammiert, die Google natürlich elegant auf die Institutionen abwälzt. Ok, das Ganze hat auch Vorteile, auf die ich hier aber jetzt nicht weiter eingehen möchte - wie auch auf die Google Apps insgesamt.
Wie arbeitet es sich denn nun mit den Sites? Kurz und bündig: “Gut”. Wie immer bei Google bin ich mit der Bedienung auf Anhieb klar gekommen, und einige Funktionen sind mir positiv aufgefallen:
- Es gibt ein paar Templates. Ich habe da nicht lange ausprobiert, sondern gleich eines gefunden, das mir geeignet schien. Es sieht u.a. eine Navigationsleiste vor, die ich editieren kann. Bei manchen Wikis muss man sowas erst über Umwege basteln.
- Eine Sitemap wird automatisch erzeugt.
- Jede Seite kann wie in einem Blog kommentiert werden. Sicher, das ist Geschmacksache - mir gefällt’s besser als eine eigene Kommentarseite
- Auf jeder Seite gibt es eine Uploadmöglichkeit für Dokumente. Das geht nicht bei allen gehosteten Wikis. 10 GB Speicherplatz sollten ein Weilchen genügen.
- Für jede neue Seite kann ich entscheiden, wo diese genau platziert werden soll (z.B. als Unterseite).
- Unterseiten werden am Fuß einer Seite automatisch verlinkt.
- Normale Wiki-Seiten sind mit dem WYSIWG-Editor problemlos zu bearbeiten.
- Ganz prima: Es gibt unterschiedliche Seitentypen: reine Wiki-Seiten (deren Layout lässt sich mit dem Editor auch auf zweispaltig umstellen), Announcements, Listen (gut geeignet für kleine Projekte, da gestaltbar und mit Prioritäten versehbar), Mashup-Seiten (= Dashboards in der Google-Sprache), und Download-Seiten (= File Cabinets). Letztere sind sehr gut geeignet, wenn man mehrere Dokumente zentral hochladen möchte. Man kann dann von beliebigen Seiten auf die einzelnen Dokumente linken, den Nutzern aber auch die gesamte Download-Seiten anbieten, auf denen alle Dokumente auf einen Blick zu sehen sind.
- Man kann unterschiedliche Dokumente aus dem Google-Universum (Präsentationen, Spreadsheets etc.) und so genannte Gadgets (Kalender, Feeds etc.) integrieren. Diese können direkt im Wiki angesehen werden, ähnlich wie auch Videos von YouTube und Google.
- Rollenbasierte Nutzung: Die Einladung von Mitarbeitern bzw. weiteren Administratoren hat bisher reibungslos geklappt. Einstellen lässt sich für jede Seite, ob sie öffentlich, für alle im Wiki Registrierten oder nur ausgewählte Nutzer zugänglich sein soll. Dabei kann nochmal unterschieden werden, ob die Nutzer die Seite nur sehen oder auch bearbeiten können.
- [Ergänzung, 12.3.08]: Als admin bekomme ich auf Wunsch per Mail Änderungen im Wiki sofort zugeschickt. Die Änderungen werden farblich hervorgehoben, Uhrzeit und Autor sind auch festgehalten.
Weniger gut gefällt mir:
- Es gibt keine Möglichkeit, Seiten zu sichern bzw. downzuloaden (abgesehen von pdf über das Drucken).
- Die Mashups haken manchmal, einige gehen gar nicht. Zum Beispiel hatte ich große Probleme RSS-Feeds einzubinden und das erst mal auf irgendwann verschoben. Mein Wunsch wäre, Social Bookmarks bzw. den Feed des bereits vorhandenen Mister-Wong-Gruppenarchivs ins Wiki zu ziehen.
- Die oben erwähnte Einrichtung über Google Apps
Ambivalent:
- Links werden von den Google Sites automatisch mit dem Attribut “nofollow” versehen. Hiergegen gibt es gute Argumente. Andererseits: Wenn die Sites als Intranet bzw. als nach außen abgeschlossener Bereich eingesetzt werden sollen, kann ich “nofollow” schon halbwegs nachvollziehen.
Mein Zwischenfazit nach etwa 20 eingerichteten Seiten: Das Arbeiten mit den Sites ist weitgehend problemlos. Die wenigen Dinge, die haken, habe ich bei anderen gehosteten Wikis in diesem Umfang bisher noch nicht gefunden. Statt dessen ist mein Eindruck, dass die Sites selbst ohne diese Funktionen etwas mehr bieten als manche andere Anbieter wie zoho. Besonders gut gefällt mir, dass die Sites zwar als typisches Wiki daher kommen, aber Funktionen haben, die einerseits das Projektmanagement und andererseits die Multimedialität unterstützen können.
Nach den bisherigen Erfahrungen scheinen die Sites also meinen Anforderungen für den Einsatz in der Lehre zu genügen. Nun müssen sie sich im realen Betrieb bewähren. Gut vorstellen kann ich mir auch, dass Vereine damit glücklich werden können. Ob ich die Sites bzw. das Gesamtpaket Google Apps jedoch im Unternehmen einsetzen würde, weiß ich nicht - da gibt es noch ganz andere Pakete, mit denen das verglichen werden müsste. Aber als einfaches, schnell aufsetzbares, kleines Intranet? Schon vorstellbar, meint auch der RSS-Blogger.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Dieser Artikel spiegelt keinen systematischen Test oder Vergleich mit anderen Systemen wider, sondern ich schildere subjektive Eindrücke, die ich in den ersten Tagen der Nutzung der Google Sites gewonnen habe.
Weitergehende Lesetipps:
- TheReadWriteWeb: Google Sites - the next Sharepoint (…)?
- TechCrunch: It took 16 Months, but Google relaunches Jotspot
- Das Textdepot: Gehostete Wikis: Erste Erfahrungen
- Büffel, Steffen / Pleil, Thomas / Schmalz, Sebastian (2007): Net-Wiki, PR-Wiki, KoWiki – Erfahrungen mit kollaborativer Wissensproduktion in Forschung und Lehre. In: Stegbauer, Christian / Schmidt, Jan / Schönberger, Klaus (Hrsg.): Wikis: Diskurse, Theorien und Anwendungen. Sonderausgabe von kommunikation@gesellschaft, Jg. 8. (pdf)