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Google Sites in der Lehre: Praktische Wegwerf-Wikis

31 März 2009 · 5 Kommentare

So, nun sind wir schon wieder mitten drin im neuen Semester. Begonnen hatte es vergangene Woche mit den obligatorischen Semestereinführungen. Zudem gab es erstmals in unserem Fachbereich Media einen zweitägigen Workshop der Lehrenden und der Mitarbeiter, der dem Vorstellen aktueller Arbeitsgebiete und der Diskussion organisatorischer Fragen diente. In einem weiteren – eintägigen – Workshop haben schließlich die neuen PR-Studenten unsere Social Media-Szenerie – vom Blog PR-Fundsachen über das PR-Wiki (öffentliches Wiki), einem Gruppenarchiv bei Mister Wong bis hin zu den Google Sites (Gruppen-Wiki) kennengelernt. Da sich auch ein paar Kollegen aus dem Fachbereich besonders für unsere Erfahrungen mit Wikis interessiert haben, will ich ein paar Eindrücke zum Wiki-Einsatz in der Lehre zusammenfassen.

Ein weiterer Grund, ein paar Aspekte zu Wikis anzureißen, ist die hohe Aufmerksamkeit, die andere Social Media-Tools seit einiger Zeit haben, während Wikis offenbar nicht so intensiv diskutiert werden. Und schließlich ist zu erläutern, dass sich der Einsatz von Wikis zumindest bei uns im Studiengang etwas gewandelt hat – und zwar grob gesagt weg vom öffentlichen Wiki hin zum Wiki für Teams. Hier gibt es Wikis, die auf Dauer angelegt sind und solche, die ich als „Wegwerf-Wikis“ bezeichne. Dies sind Wikis, die jeweils nur für eine Gruppe zur Verfügung stehen, also ein oder höchstens zwei Semester genutzt werden. Ok, der Begriff „Wegwerf-Wiki“ ist etwas despektierlich – zumal, wenn ich sage, dass ich hierzu sehr gern die Google Sites verwende. Das ist aber gar nicht negativ gemeint. Zur Erklärung hole ich aber ein bisschen aus.

Hatte ich 2005 mit dem PR-Wiki ein vollkommen öffentliches Wiki eingeführt, so finden inzwischen die meisten unserer Wiki-Aktivitäten hinter verschlossener Tür statt. Genauer: Wir bilden mit unseren Wikis drei Arten von Öffentlichkeit ab:

  • Weltweite Öffentlichkeit: dauerhaft angelegt; ein Ziel ist die Vernetzung der Hochschule mit der Praxis (im Wiki de facto kaum gelungen, findet statt dessen im Blog und über Twitter statt)
  • Fachbereichs-Öffentlichkeit: v.a. für die Kommunikation und das Wissensmanagement von Student zu Student (z.B. Erfahrungsberichte zu Praktika). Das Journalismus-Wiki ist noch ganz neu, wie intensiv es gelebt wird, muss sich noch zeigen. Hier besteht natürlich eine gewisse Konkurrenz zu Gruppen innerhalb von StudiVZ, aus dem sich aber derzeit viele unserer Studenten verabschieden.
  • Lehrveranstaltungs- bzw. Gruppenöffentlichkeit: E-Learning-Aspekte, v.a. aber Projektmanagment, nur für die Dauer eines Studienschwerpunktes, einer Lehrveranstaltung oder eines Projektes angelegt. Dieser Typ hat sich bisher sehr gut bewährt.

Jede dieser Öffentlichkeit hat also ein eigenes Wiki (oder mehrere). Der Hintergrund: Zwar werden im PR-Wiki nach wie vor Artikel veröffentlicht, doch hat sich darin nie eine wirkliche Kollaboration wie ich mir sie mit Blick auf die Wikipedia erhoffte, ergeben – offensichtlich fehlte es unserem kleinen Studiengang an einer gewissen kritischen Masse. Und auch die externe PR-Community hat sich daran noch nie beteiligt. Eine Rolle mag auch spielen, dass Journalismus-Studenten gerade das kollaborative Schreiben als fremd zu empfinden scheinen. Ein anderes und noch wichtigeres Problem, so zeigten Befragungen der Studenten, war die absolute Öffentlichkeit des Wikis. Die Studenten wollten weniger eine auf PR bezogene Enzyklopädie schaffen, sondern einen geschützten Arbeitsbereich für Seminare und vor allem für die Projektarbeit (mit den PR-Fundsachen besteht daneben ja ein Blog als öffentliche Kommunikationsplattform).

Der Wunsch nach einem nicht-öffentlichen Arbeitsraum stand also am Anfang einer veränderten Wiki-Nutzung. Zunächst setzten meine Kollegen und ich hierfür verschiedene pmWiki- oder Media-Wiki-Installationen ein. Wir schufen hier kein verbindliches Konzept, schließlich sollten die Studenten im Lauf ihres Studiums im Idealfall mit unterschiedlichen Systemen konfrontiert werden. Allerdings wurde ich den Eindruck nie los, dass die typische Wiki-Syntax und die zunächst nicht vorhandene Struktur solcher Wikis einigen Studenten Schwierigkeiten bereiteten – zumindest jedoch abschreckend wirkten.

Vor gut einem Jahr habe ich deshalb begonnen, für Lehrveranstaltungen (Seminare, Projekte) Google Sites einzusetzen. Meine ersten Eindrücke hatte ich hier beschrieben. Inzwischen habe auf dieser Basis etwa ein Dutzend Sites (=Wikis) eingerichtet, andere Kollegen setzen sie auch ein. Einzelne Sites nutzen Kollegen und ich gemeinsam, beispielsweise für organisatorische Aufgaben. Andere sind für studentische Gruppen allein zur Projektbegleitung eingerichtet. Im PR-Schwerpunkt bilden die Google Sites für mich eine Interims-Alternative zum für meinen Geschmack unhandlichen E-Learning-Tool Blackboard, das eigentlich nur vernünftige Kommunikation vom Dozenten zu Studenten erlaubt. Im Wiki dagegen sind alle Nutzer gleichberechtigt. So tragen die Studenten in den Ablaufplan eines Seminars zum Beispiel selbst ein, wann sie ihr Referat halten möchten. Und wer zu einem Seminarthema einen ergänzenden Literaturtipp hat, teilt ihn dort mit. Heute entstand gleich im Wiki das Protokoll eines Projektbriefings. In den vergangenen Semestern nutzten die meisten Studenten die Sites zum Projektmanagement (mit Ausnahme einer Gruppe, die ein Gruppenblog anlegte).

Und wie haben sich nun speziell die Google Sites als Wiki bewährt? Aus meiner Sicht recht gut. Kurz zusammengefasst haben sie Funktionen, die ich von einem Intranet 2.0 erwarten würde.

Vorteile:

  • Die Orientierung: Es klingt banal, aber eine problemlos anpassbare (klassische) Navigation sowie die Möglichkeit, Seiten hierarchisch aufzubauen und die automatisch generierte Sitemap sind in einem Wiki sehr wertvoll.
  • Die Multimedialität: Die Sites bieten u.a. die Möglichkeit, (Google-)Kalender, Videos, Bilder, Tabellen oder Google Docs (Präsentationen etc.) einzubinden.
  • Die Funktionalität: Die Google Sites bieten einen selbsterklärenden WYSIWYG-Editor und ermöglichen unterschiedlichen Typen von Seiten. Neben der normalen Website lassen sich beispielsweise Downloads auf einer Seite in Ordnern organisieren oder es gibt Seiten mit anpassbaren Listen, die sich sehr gut für das Projektmanagement eignen. Und: Das Hochladen von Dateien ist ganz einfach.

Nachteile:

  • Sicherheit: Zu Google als Anbieter und den Nutzungsbedingungen selbst muss sich jeder seine eigene Meinung bilden. Wirklich problematisch ist allerdings, dass es noch immer keine Möglichkeit einer eigenen Datensicherung gibt. Außerdem ist das Löschen einer kompletten Site nach meiner schmerzhaften Erfahrung etwas zu einfach – und dann absolut endgültig.
  • Zugänglichkeit: Die Google-Sites kennen drei Rechte-Hierarchien: Eigentümer, Mitarbeiter und Leser. Allerdings gelten einmal vergebene Rechte jeweils für die gesamte Instanz und lassen sich nicht seitenbezogen definieren. Dies ist der Grund, weshalb ich so viele Instanzen eingerichtet habe, die letztlich Abbildung von Teamkonstellationen sind. Außerdem würde ich mir individuellere Abomöglichkeiten für Änderungen im Wiki wünschen – und diese vor allem mit RSS anstatt per Mail. A propos RSS: Am Einbinden von Feeds in das Wiki bin ich bisher gescheitert.

Ich muss betonen, dass die erwähnten Vor- und Nachteile kein Ergebnis eines systematischen Tests ist, sondern dass es sich um die Punkte handelt, die mir in der täglichen Nutzung besonders aufgefallen sind. Unterm Strich bleibt das Ergebnis positiv. Vor allem die erwähnten Vorteile kommen nach meinem Eindruck einer Facebook-gewöhnten Studentengeneration deutlich besser entgegen als die althergebrachten Kamelrücken-befüllten Wissensspeicher, die unsere früheren Wikis waren.

Inzwischen beginnt an unserem Fachbereich eine breitere Diskussion zu den Themen Wiki und eLearning-Plattform. Für eine solche systematische Anwendung werden wir vemutlich auf eine andere Plattform umsteigen (müssen). Dazu muss aber erst noch festgelegt werden, welche Ziele genau verfolgt werden sollen, dann erst wird die Suche nach einem System beginnen. Bis dahin sind für mich als Einzelkämpfer die Sites eine praktische Zwischenlösung, denn sie sind mit zwei Mausklicks eingerichtet und bieten auf Anhieb eine Fülle von Funktionen, die nur wenige andere Produkte haben. Für meine Zwecke werde ich mangels Zeit zunächst keine anderen Plattformen testen. Genau beobachten werde ich jedoch, welche Erfahrungen Heinz Wittenbrink in Graz mit dem Social Media Classroom machen wird. Denn ein integrierter Social Media-Ansatz für die Lehre dürfte einiges erleichtern – wobei ich einen dezentralen Ansatz bevorzugt habe. Mal sehen, ob ich das demnächst revidiere.

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Twitter in der Lehre: Ein paar Erfahrungen

3 März 2009 · 11 Kommentare

Wie berichtet, habe ich im vergangenen Semester meine Studenten mit sanftem Druck dazu gebracht, Twitter zu nutzen. Eingebunden war das Ganze in ein  Seminar zu PR, in dem wir Twitter ausführlich besprochen hatten. Im Laufe des Semesters haben wir Twitter dann auch als PR-Kanal genutzt, der unsere Tagung „Zukunft Online-PR“ begleitet hat, und schließlich nutzen einige andere Studenten unseres Studiengangs schon seit längerem und auf eigene Initiative den Microblogging-Dienst. Höchste Zeit, ein paar Einschätzungen dazu zu notieren – schließlich entdecken gerade ganz große Blätter das Thema – und gehen etwas seltsam heran. Kurz zusammengefasst meine 2 Cent: Twittern kann das Lernen über den Seminarraum hinaus erweitern, es kann auch für Studenten ein Instrument sein, um Online-Reputation aufzubauen, und es erfordert ein gutes Gespür für Öffentlichkeit und Privatheit.

Nun zur Langversion: Zunächst stellt sich natürlich die Frage, was Twitter denn in der Lehre soll und wie man es nutzen könnte. Dies wurde ja schon verschiedentlich diskutiert. Für unseren Studiengang Online-Journalismus sehe ich mehrere Motivationen, Twitter zu nutzen. Die drei wichtigsten:

  • Unsere Studenten wollen sich als Online-Journalisten oder Online-PR-Leute qualifizieren. Twitter zu verstehen, ist für beide Gruppen aus meiner Sicht inzwischen eine Standardanforderung. Denn nur wer Twitter versteht, kann entscheiden, ob es ein sinnvolles Nutzungsmodell für eine Redaktion bzw. im Rahmen der PR gibt – egal, ob zur Recherche oder zur aktiven Nutzung.
  • Twitter ist ein Kommunikatonskanal, der rund um jeden Nutzer ein soziales Netz schafft. Damit lässt sich Twitter zum Aufbau von Reputation nutzen.
  • Twitter eignet sich zur Gruppenkommunikation, so dass Studenten darin untereinander und mit ihren Dozenten kommunizieren können. Beispiele sind simple Absprachen, Erinnerungen an Aufgaben, aber auch Nachfragen, Lesetipps etc.

Wie nun haben wir Twitter im PR-Schwerpunkt formal in die Lehre integriert? Hier war ich zunächst unsicher: Denn bloggen sollen meine Studenten schon seit 2005, und dort bewerte ich die Leistung nach verschiedenen Kriterien (z.B. Themenwahl, Darstellung, Vernetzung, Umgang mit Kommentaren). Ich habe die erste Idee, dieses Modell einfach auf Twitter zu übertragen, verworfen. Zu groß schien mir die Hürde bzw. der Druck, und ich wollte einen möglichst großen Teil der Studenten erreichen. Statt dessen sollte es genügen, dass sich die Studenten auf Twitter einlassen, es sich erschließen und Erfahrungen sammeln – ohne Vorgabe, wie es zu nutzen sei. Also war es eine explorative Aufgabe, über die zum Ende des Semesters eine reflexion zu schreiben war, die dann zeigen sollte, wie die Auseinandersetzung mit dem Thema war. Was getwittert wurde, spielte also keine Rolle.

Nach Lektüre aller Reflexionen und einem Rekapitulieren der Twitteraktivitäten sind mir grob drei Nutzertypen unter den Studenten aufgefallen:

  • Ein gutes Drittel der Studenten war regelrecht angesteckt und nutzt Twitter noch immer und intensiv. Nach meinem Gefühl mit viel Spaß, aber auch, um sich ganz konsequent zu positionieren. Diese Gruppe nutzt Twitter aus meiner Sicht sehr professionell: Hier wechseln sich interessante Lesetipps, Dialoge, Persönliches (nicht aber zu Privates) ab. Gleichzeitig wurde Twitter für sie zu einer wichtigen Quelle zu aktuellen Informationen und zu einem Raum, in dem man auch mal eine Frage beantwortet bekommt. 150 bis 350 Follower – und häufig positive Rückmeldungen – sind sichtbare Folgen; eine Studentin bekam sogar ein Jobangebot über Twitter.
  • Ein anderes Drittel der Studenten hatte es ernsthaft mit Twitter versucht und zeitweilig auch etwas Spaß damit. Inzwischen sind sie jedoch kaum mehr sichtbar – keine Zeit, keine Themen. Bei diesen Nutzern kann ich mir gut vorstellen, dass sie Twitter in einem Projekt einmal erfolgreich einsetzen können. Aufgefallen ist mir, dass diese Nutzer vor allem untereinander vernetzt sind, sie aber keinen so systematischen Ausbau ihres sozialen Netzes – etwa in die Praxis hinein – verfolgt haben.
  • Die anderen schließlich sind die „Gezwungenen“, die es versucht haben, weil sie mussten, aber feststellten, dass Twitter für sie einfach nichts ist (oder sich nicht wirklich auf das Experiment einlassen wollten/konnten) – wobei offenbar einige von ihnen im Sinne von Lurkern doch viel Kommunikation verfolgen.  Es kann gut sein, dass sie Twitter später einmal nutzen – vielleicht erledigt sich das Thema ja aber auch vorher von selbst.

Welche Schlüsse kann man nun nach einem Semester mit einer größeren Studentengruppe (naja, 16 waren im Kurs) bei Twitter ziehen? Inhaltlich sehe ich zwei ganz große Herausforderungen für angehende Medienprofis: Zum einen natürlich die Frage, wie man es schafft, nicht nur Zustandsbeschreibungen à la „Sitze am Referat über….“ zu schreiben. Die haben zwar ihre Berechtigung, aber man muss für sein Netz auch immer wieder Werte schaffen – es informieren oder unterhalten. Hier hilft aus meiner Sicht nur, die richtigen Informationsflüsse zu finden und diese regelmäßig zu verfolgen. So wie man früher als guter Journalist den Tag mit der Lektüre von fünf  Zeitungen begonnen hat, muss man heute die richtigen Feeds lesen (und sollte dennoch Print nicht aufgeben).

Die andere Herausforderung ist die Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Jeder, der twittert, muss wissen, dass er Öffentlichkeit herstellt. Und zwar dauerhafte und grenzenlose. Dahinter verbirgt sich die Frage: „Was kann ich über mich oder andere twittern und was nicht?“ Gerade zu diesem Thema und zur Frage von Rollen, die wir spielen, haben wir am intensivsten diskutiert. Zum Glück, denn das hat nach meinem Gefühl größere Unfälle verhindert. Dennoch sind ein paar Tweets geschrieben worden, die aus meiner Sicht grenzwertig waren (für die Autoren) – etwa über Krankheiten. Wobei die Gruppe hier hervorragend reagiert hat: Während die einen durch dezente Hinweise den Autoren gewarnt haben, haben andere durch geschickte Folgetweets einiges wieder ins Lot gebracht.

Kleiner Einschub: Teilweise intensivere Diskussionen hatten wir im Studiengang zur Frage der Öffentlichkeit von Lehrveranstaltungen. Kann man einfach aus einer Lehrveranstaltung heraus twittern? Womöglich jemanden klar erkennbar zitieren? Einen Komilitonen? Den Prof? Interessanterweise sind damit bei den PR-Studenten nie Probleme aufgetreten, sie berichteten aus Lehrveranstaltungen beschreibend („wir diskutieren gerade über…“) – oft wurde das Ganze auch bereichert, etwa, wenn während der Diskussion oder ein paar Stunden danach noch auf interessante Veröffentlichungen zum Thema hingewiesen wurde. Das war genau das, was ich mir erhofft hatte. Ich vermute, dass dies geklappt hat, lag vor allem daran, dass wir vor dem Twittern sehr intensiv über Twitter, Öffentlichkeit und Reputation gesprochen haben.Ungut wurde das Ganze jedoch, wenn – wie ein wenigen Einzelfällen und in anderen Zusammenhängen geschehen – ein Gastreferent tiefe Einblicke in sein Arbeitsleben gibt oder ein Student aus dem Praktikum bei einer bestimmten Redaktion berichtet und alles live ins Netz getippt wird. Hierzu hatten wir im Kollegium und mit Studenten mehrfach gesprochen. Unser Diskussionsstand: Twitter darf  nicht die Privatsphäre einzelner angreifen bzw. Privates und/oder Vertrauliches ungefragt in die Öffentlichkeit bringen. Das bedeutet, dass eine Diskussion in einer Lehrveranstaltung im Gegensatz zu einer öffentlichen Konferenz nicht einfach via Twitter nach außen getragen werden soll – schon gar nicht, wenn Teilnehmer erkennbar zitiert werden. Denn weder Studenten noch Dozenten sind öffentliche Personen – und Lernen bedeutet auch im Journalismus-Umfeld nicht, immer Öffentlichkeit herzustellen, sondern auch, bestimmte Dinge im geschlossenen Raum üben oder diskutieren zu können.

Doch alles in allem halte ich den Einsatz von Twitter in unserem Studiengang nach wie vor für sehr sinnvoll. Den Hauptnutzen sehe ich darin, dass Studierende im Netz Präsenz zeigen und beweisen können, dass sie Online-Kommunikation verstehen und nutzen. Noch nie war es so einfach, sich nicht nur untereinander als Gruppe auch außerhalb des Hörsaals zu vernetzen, sondern auch mit Menschen, an die man früher kaum herangekommen wäre. Und ich halte das Erweitern des Lernens für einen enormen Gewinn: Lernen, entdecken, diskutieren funktioniert eben nicht nur im Takt des Stundenplans, sondern hat eigene Rhythmen. Twitter erlaubt diese Rhythmen und schafft im Idealfall eine sehr viel tiefer gehende, weil umfassendere Lernsituation. Übrigens nicht nur für Studenten, sondern für jeden für uns – schließlich hört das Lernen nie auf. (Wobei das Lernen mit Twitter aus meiner Sicht ein Lernen auf Fachebene und soziales Lernen zusammenbringen kann).

Für die effektive Twitter-Nutzung halte ich aber ein ins Kalte-Wasser-Springen inzwischen nicht mehr für ausreichend, sondern sehe Dozenten und erfahrenere Studenten gefordert, um Einsteiger zu coachen (ok, es gibt auch hilfreiche Leitfäden). Denn seit Twitter rasend wächst, muss man einiges wissen, damit man sich dort erfolgreich bewegen kann und nach dem Einrichten eines Accounts nicht gleich als uninteressant wahrgenommen wird oder sich gar schadet.

Für einige Szenarien in der Lehre scheinen mir übrigens andere Microblogging-Dienste als Twitter geeigneter: Denn manchmal wünsche ich mir eben einen geschlossenen virtuellen Gruppenraum. Dann kann ich mir Microblogging auch hervorragend fürs Projektmanagement vorstellen oder darin Aufgaben diskutieren etc. – denn in einigen Szenarien will ich der Gruppe und mir die Öffentlichkeit ersparen – und meinen anderen Followern Kommunikation, die sie nicht interessiert. Am liebsten hätte ich ein solches Microblogging per Widget auch in ein internes Wiki integriert. Aber das führt jetzt zu weit…

Statt dessen verweise ich noch auf die Sicht der Studenten: Dankenswerterweise hat vor einigen Wochen schon ein Kommilitone ein paar Studenten meines Kurses zu ihren Einschätzungen zur Twitter-Nutzung in der Lehre befragt.

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Lesetipps fuer die Wende zum 4. Juni 2008

3 Juni 2008 · Kommentar schreiben

Seltsame Überschrift vielleicht, aber da ich abends um halb elf bisher noch keine Lesetipps gebloggt habe, ist sie nur ein Ergebnis meiner Unsicherheit. Sind das noch Tipps für den 3.? Für die meisten vermutlich nicht. Abends zu schreiben, hat aber einen Vorteil, merke ich. Man hatte für manche Dinge ein bisschen mehr Muße. Was also ist mir heute Interessantes im Netz begegnet?

Beginnen wir mit der Abteilung „Skurriles“: Da mailte mich doch wirklich eine Firma aus Dortmund an, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Und die Sensation: Die Firma x (ich bin heute milde und nenne den Namen nicht) hat einen neuen Internet-Auftritt, schreibt sie. Und ich frage mich, wer solchen Spam produziert. Tja, man glaubt es kaum: Die Firma x ist auf integrierte Mail-Kampagnen spezialisiert. Sagt sie.

Jetzt aber endlich zu wirklich Interessantem. Gefreut habe ich mich, dass es eine neue Ausgabe des Online-Magazins „Neue Gegenwart“ gibt. Das gibt’s jetzt schon seit zehn Jahren (Glückwunsch!!!), und die aktuelle Ausgabe dreht sich um Aufmerksamkeit. Themen sind unter anderem die Schaffung der neuen Marke evonik und Probleme, die entstehen können, wenn virale Kampagnen ihr Eigenleben entwickeln. Von BMW lernen wir, dass es nicht immer gut ist, überall im Netz präsent zu sein.

Weiter geht’s mit einem Interview, das Herr Krit mit dem Autoren Peter Glaser geführt hat, unter anderem zu dessen erstem Eintauchen in das Internet und seiner heutigen Sicht auf das Netz. Besonders denkwürdig empfinde ich dieses Zitat von Glaser:

„Wir leben in einer Epoche des totalen Speicherwahns. Jeder hebt alle 2000 unscharfen Digitalfotos vom letzten Urlaub auf undsoweiter. Wir müssen die wertvolle menschliche Fähigkeit des Vergessens wieder auf den ihr zustehenden Rang erheben. Ohne Vergessen gibt es keine Resozialisierung, keine Nachsicht, keine Chance, sich zu verändern und auch nicht die Fähigkeit, auszuwählen. Vergessen ist keine Schwäche, sondern eine wichtige menschliche Eigenschaft. Deshalb müssen auch Maschinen und Verbünde wie das Netz lernen, zu vergessen.“

Ähnliche Überlegungen wurden in den letzten Wochen ja immer wieder mal sanft angesprochen, aus meiner Sicht ein hochspannendes und wichtiges Thema, das nicht einfach mit dem Stichwort „Reputationsmanagement“ zu beantworten ist.

Und nun noch drei letzte kurze Hinweise:

  • Steffen Büffel hat sich mit Martin Oetting zu Word-of-Mouth-Kommunikation, Cluetrain und nur langsam wachsenden Erkenntnissen in Unternehmen unterhalten. Klar muss mir das Interview gefallen – höre ich mich doch ziemlich oft ähnlich argumentieren ;-) Das Ganze ist übrigens eine Folge des Pre-Conference-Podcasts zum 3. Dresdner Zukunftsforum.
  • Karsten Füllhaas hat einen Artikel zu PR in und mit Online-Communities aka Social Networks geschrieben und nennt einige interessante Beispiele.
  • Und abschließend sei noch der Tagungsband Lifetime Podcasting der TU Graz empfohlen. Er dokumentiert die laut Eigenwerbung erste Fachtagung zu Podcasting in Österreich. Genau genommen geht es besonders um Podcasting in der Lehre.

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Euroblog 2008: Social Media in der Lehre

16 März 2008 · 7 Kommentare

So, nun endlich ein erster Nachklapp zur Euroblog-Konferenz in Brüssel. Beginnen möchte ich mit einer Ergänzung zum Panel über Web 2.0-Tools in der Lehre. In diesem Rahmen habe ich meine didaktischen Experimente in unserem PR-Schwerpunkt an der Hochschule Darmstadt vorgestellt. Wichtig ist dabei, dass Social Media in der PR-Ausbildung als etwas begriffen werden, das das Kommunikationsmanagement in der Berufspraxis verändert und ggf. auch als PR-Instrument eingesetzt werden kann. Social Media sind also Lernstoff: Man muss wissen, was es damit auf sich hat und wie NGOs und Unternehmen sie tatsächlich einsetzen. Anderseits handelt es sich bei Blogs & Co. um didaktische Instrumente, wenn sie entsprechend in die Lehre integriert werden. Dabei können sie den Seminarraum und die reale Welt wunderbar vernetzen. Und schließlich können Social Media-Anwendungen Projekt- und Wissensmanagement unterstützen – in der Berufspraxis wie in der Lehre.

Wer Social Media tatsächlich in die Lehre integriert, kommt schnell zum Ansatz des Konnektivismus. Dort wird davon ausgegangen, dass Wissen in (sozialen) Netzwerken entsteht und dass man auf vielfältige Weise lernt; beispielsweise auch, wenn man einen Wiki-Artikel schreibt, im Blog diskutiert etc. Deshalb ist für mich die Vernetzung ein entscheidender Punkt – wobei Vernetzung sich nicht nur auf eine studentische Gruppe bezieht, sondern auch Vernetzung mit anderen Studenten, Alumni und Praktikern gemeint ist. Dem dienen Projekte wie die PR-Fundsachen und das PR-Wiki auch. Gleichzeitig trainieren die natürlich den Umgang mit diesen Formaten.

Einen Aspekt der Diskussion in Brüssel fand ich besonders witzig: Eine Studentin hat davon gesprochen, dass sie ihre Wünsche und Themen in eine Lehrveranstaltung einbringen möchte. In meinem Vortrag habe ich von Learner Generated Content gesprochen. Im Publikum stieß dies schnell auf Widerstand.  Ein Kollege fragte, ob es nicht kindisch sei, wenn ein Dozent das macht, was die Studenten wollen. Das sehe ich anders: Denn ich bin nicht der allwissende Dozent, und ich meine, das Beste entsteht im Team. Natürlich gibt es Grundlagen, die ich auf jeden Fall vermitteln möchte/muss. Andererseits wissen Studenten nicht nur zu einigen Themen besser Bescheid als ich, sondern sie wissen oft genau, welche Wissenslücken durch meine und andere Lehrveranstaltungen noch bestehen. Dass es sich bei den Themenvorschlägen von Studenten nicht um Beliebigkeiten handelt, sondern um Ergänzungen, die in die jeweilige Lehrveranstaltung passen, habe ich bis jetzt immer erfahren – egal, ob es um Vorschläge für einzelne Workshops ging oder um die freie Themenwahl bei Referaten.

Doch darüber kann man lange weiter diskutieren. Hier erst mal mein Vortrag (genau genommen bestand mein Vortrag nur aus einem Teil der Slides; ich denke aber, dass ein paar der detaillierten Informationen ein paar Leser hier interessieren könnten):

Eindrücke zur Konferenz insgesamt folgen in einem separaten Artikel.

Kategorien: Lehre · Vorträge
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Wege durch das Netz

22 Oktober 2007 · 5 Kommentare

Welche Tools und Dienste sollte man kennen, um sich als Wissensarbeiter sicher im neuen Netz zu bewegen? Und wo beginnen die Spielereien? Sicher gibt es auf diese Fragen keine allgemein verbindlichen Antworten, doch ich habe mal versucht, für meine Studenten und mich eine Linie hineinzubringen. Denn: Wir wollen morgen den ganzen Tag zusammensitzen, um uns gegenseitig Tools, Tricks und Anlaufstationen zu zeigen. Habe im letzten Jahr die Erfahrung gemacht, dass es sehr nützlich ist, das Thema Online-PR am Semesteranfang durch einen solchen Praxis-Workshop vorzubereiten – einerseits, damit die Studenten effektiv arbeiten können, andererseits, damit sie erahnen, welche Relevanz manche Dienste aus PR-Sicht haben (oder nicht). Um welche Themen soll es konkret gehen?

  • Browsing: Ja, das klingt erstaunlich. Aber ich habe festgestellt, dass doch einige Kursteilnehmer ihre Browser so nutzen, wie sie mal installiert wurden. Als Firefox-Arbeiter will ich mich damit nicht abfinden und zumindest ein paar ergänzende Suchmaschinen vorschlagen, Erweiterungen wie ScreenGrab, um Websites einfach zu speichern, den SessionManager, damit man eine Recherche in vielen Tabs speichern kann, und schließlich ein paar Javascripts (z.B. für technorati) für die Lesezeichen-Leiste. Vielleicht kommen wir noch zu User-Scripts à la Greasemonkey.
  • Tagging und Social Bookmarking will ich zusammenfassen. Sind für mich elementare Produktivitätstools. Wir werden uns Furl, Del.icious und Mister Wong anschauen, wobei wir im Semester mit Mister Wong arbeiten werden. Neben dem reinen Ablegen von Bookmarks spielen die Recherche in solchen Archiven sowie die Zusammenarbeit mit anderen für mich eine besondere Rolle.
  • Blog-Suchmaschinen bzw. Blog-Monitoring. Großes Thema, da werden wir uns an meinen vor einiger Zeit veröffentlichten Erfahrungen entlanghangeln und bekommen von einer Absolventin Einblicke in die Praxis des Blog-Monitorings bei einem großen Unternehmen.
  • (Mikro-)Blogging. Für die Studenten ist Bloggen nicht neu, insofern werden wir nur Twitter anschauen und ein paar Besonderheiten bei Weblogs (z.B. Blog-Hosting vs. selbst installiert, Bloggen in geschlossenen Nutzergruppen und Widgets).
  • Podcasting. Hier geht’s zunächst im Wesentlichen um einen Einstieg (Abonnieren, Quellen, Einsatz von Skype/Powergramo).
  • Social Communities. Das wird einmal quer durch’s Beet gehen – von Flickr über Qype bis Facebook und XING. StudiVZ und YouTube muss man in dieser Runde ja nicht mehr vorstellen ;-)
  • Mashups/Aggregiertes: Hier werden wir mal schauen, was man mit GeoTagging à la Google Maps, mit Netvibes am Desktop oder Pageflakes anstellen kann.
  • Und schließlich werden wir uns noch ein paar kleinere Tools anschauen, die das Online-Leben erleichtern, z.B. TinyURL, CoComment, Web-Office-Anwendungen wie Zoho oder Google-Docs und schließlich Slideshare.

Hm, ziemlich viel Stoff. Bin ja mal gespannt, wie weit wir kommen. Die Inhalte des Seminars basieren übrigens auf einen ersten Vorschlag von mir in unserem internen Wiki, den dann die Studenten ergänzt haben, getreu dem Motto: Wer etwas Interessantes kennt, zeigt es den anderen. Und wer etwas wissen möchte, schreibt es auch rein.

P.S.: Sorry für den linkfreien Text heute, aber das war nicht mehr zu schaffen – das meiste dürfte ja bekannt sein…

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Semesterstart

9 Oktober 2007 · Kommentar schreiben

Was für ein schöner Herbsttag für unsere Erstsemester, die heute ihr Studium begonnen haben und die heute Vormittag in die Galaxie unseres Fachbereichs Media eingeführt wurden und die nun so langsam erkennen, wie die Satelliten – äh Studiengänge – ticken, für die sie sich entschieden haben. (Das von außen etwas seltsam anmutende außerirdische Bild hat mit der Präsentation der Dekanin heute früh zu tun.) Herzlich willkommen auch an dieser Stelle!

Für die höheren Semester geht’s morgen erst los, dann erfahren sie im Detail, in welchen Projekten sie diesmal arbeiten können und was die nächsten Monate noch für sie bringen könnten. Mir bringen die nächsten beiden Semester etwas Zeit für Forschung, so hoffe ich zumindest (alle paar Jahre dürfen Professoren ein Forschungssemester einlegen, bei mir sind es zwei halbe). Deshalb unterrichte ich in diesem Semester etwas weniger und ausschließlich die PR-Studenten im siebten Semester, worauf ich mich sehr freue.

Was genau habe ich vorbereitet? In der Lehrveranstaltung PR II geht es vor allem um Online-PR, während wir im Projektbereich diesmal in kleinen Gruppen gleich an vier Aufgaben von Partnern aus der Praxis arbeiten werden. Zweimal geht es dabei um Videopodcasts, einmal um die Entwicklung praktischer PR-Maßnahmen on- und offline sowie um Begleitforschung zu einem Corporate Blog. Details dazu gibt’s demnächst in den PR-Fundsachen. Schließlich biete ich eine Lehrveranstaltung an, mit der ich für mich organisatorisches Neuland betrete: Ein hochschulübergreifendes Seminar gemeinsam mit meinem Kollegen André Habisch (Kath. Uni Eichstätt-Ingolstadt bzw. Center for Corporate Citizenship). Thema: Corporate Social Responsibility und Public Relations. Die Idee: Wir wollen seine BWL- und unsere PR-Studenten zusammenspannen und sie CSR-Konzepte und dazu passende PR-Strategien entwickeln lassen. Bin schon sehr gespannt, wie gut interdisziplinäres und verteiltes Arbeiten funktionieren werden.

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